Freilerner: Eine Brandenburger Familie reist lieber um die Welt, als zum Unterricht zu gehen

Hohen Neuendorf - Paula S. war erst viereinhalb Jahre alt, da konnte sie bereits lesen und schreiben. Ihre kleine Schwester Greta lernte Schwimmen, als sie drei war. Nun ist sie sechs Jahre alt, kann aber noch nicht alles lesen. „Greta wäre dieses Jahr in die Schule gekommen“, sagt ihre Mutter Kati S. Normalerweise hätte sie am vergangenen Wochenende ihren Schulbeginn gefeiert. So wie 22.000 ABC-Schützen im Land Brandenburg. Und ihre große Schwester wäre in die fünfte Klasse gewechselt.

Aber die Familie aus Hohen Neuendorf (Oberhavel) hat sich anders entschieden. Die Mädchen sollen nicht gezwungen sein, Schulbücher zu wälzen – sie sind sogenannte Freilerner. Das heißt: Die Kinder gehen nicht regulär zur Schule. Das widerspricht ganz klar der gesetzlichen Schulpflicht.

Die Eltern Kati S. und David T., die ihren vollen Namen nicht in der Zeitung lesen wollen, sind mit ihren Kindern seit fünf Jahren auf Weltreise – und die Töchter lernen unterwegs.
Ihre Mutter hat in Deutschland als Grundschullehrerin gearbeitet. Sie ist der Meinung, dass das Schulsystem an den Bedürfnissen der Kinder vorbeigeht. „Man müsste jedem Kind beim Lernen individuell begegnen“, sagt die 40-Jährige, „das passt aber mit den Lehrplänen nicht zusammen.“

Alternative Bildungswege in Deutschland verboten

Da Rahmenpläne auch an Waldorf-, Montessori- und freien Schulen unverzichtbar sind, waren auch diese Schulen keine Alternative für die Eltern. Paula und Greta sollen sich nach dem Konzept des freien Lernens mit allem beschäftigen dürfen, was für sie gerade interessant ist – wo, wie und so lange sie wollen. Das bedeutet: Paula und Greta haben keinerlei Stundenplan, sie lernen selbstbestimmt. „Wir begleiten und wir unterstützen unsere Kinder, treiben sie aber nicht voran“, erzählt ihre Mutter, die mit ihrer Familie in Neuseeland ist, am Telefon.

Die Herangehensweise folgt den Theorien populärer Hirnforscher und Lernexperten wie Vera F. Birkenbihl oder Gerald Hüter. Sie sagen, dass der typische Frontalunterricht Kinder zwar zum Pauken bringe, aber nicht zum Lernen. In Schulen wird auch von „Bulimielernen“ gesprochen, weil der Lernstoff oft nach den Prüfungen schnell wieder vergessen ist.

In Deutschland werden Kinder im Alter von sechs Jahren schulpflichtig. Alternative Bildungswege sind verboten, anders als in fast allen anderen europäischen Ländern. Dort ist das Homeschooling erlaubt, der Unterricht zu Hause nach einem festen Lehrplan. Einige Länder und Regionen erlauben auch das Freilernen, das völlig ohne Lehrplan und Prüfungen auskommt. In Deutschland soll es bis zu 3000 Freilerner geben. Wenn dem Jugendamt bekannt wird, dass sie die Schulpflicht verletzen, müssen ihre Eltern mit einem Bußgeld bis zu 2500 Euro rechnen. In Härtefällen wird ihnen auch das Sorgerecht entzogen – die Begründung lautet Kindeswohlgefährdung.

Familie S. wollte sich weder in Deutschland verstecken noch vom Urteil eines Richters abhängig sein. Ihnen blieb also nur eine Alternative: Deutschland zu verlassen. Und da sich die Eltern nicht für ein Land entscheiden konnten, gingen sie auf Weltreise: Vor fünf Jahren starteten sie in Mittelamerika, flogen in die USA und über Kanada nach Südostasien, Australien, Europa und Indien.

Aktuell steht Neuseeland auf dem Lebens- und Lehrplan. „Wir haben unsere Berufe aufgegeben, unser Haus vermietet und unsere Ausgaben heruntergeschraubt, um das Freilernen auf Weltreise möglich zu machen“, sagt die Mutter. Zweifel an ihrem neuen Lebensweg hatten die Eltern nie. Sie sehen jeden Tag: Greta und Paula lernen auch ohne Schule. „Seit unserer Reise müssen sich unsere Töchter häufig auf Englisch verständigen.

Im Gegensatz zu uns sprechen sie sogar akzentfrei. Außerdem können sie ein wenig Spanisch und Maori“, sagt Kati S. Kürzlich habe Paula das Stricken für sich entdeckt. Das Handwerk schaue sie sich in YouTube-Videos ab. Erst entstand ein Schal, dann kam eine Mütze hinzu – schließlich hat Paula ihre Puppe eingekleidet. Ihre kleine Schwester sei derweil mit Zahlen beschäftigt. „Greta addiert und multipliziert gerne“, sagt S. „Unsere Kinder haben ein ganz starkes Verständnis dafür, dass sie alles lernen können, was sie wollen.“

Soziale Koedukation in Schulen

Wie wahrscheinlich ist es, dass diese Lernform in Deutschland offiziell erlaubt wird? Keine der großen Parteien, mit Ausnahme der AfD, sieht vor, die Schulpflicht abzuschaffen. Die Linke will sie sogar von neun auf zehn Jahre verlängern. Torsten Heil, Pressesprecher der Kultusministerkonferenz in Berlin, hält die allgemeine Schulpflicht für eine „zivilisatorische Errungenschaft des 19. Jahrhunderts.“

Sie sei weniger als Pflicht, denn als Menschenrecht zu verstehen. „Ein Kind kann auch als Freilerner schulisches Wissen erwerben“, sagt er. „Was ihm aber entgeht, sind eine qualifizierte Schulbildung und soziale Koedukation in der Schule, wie sie in einem Land wie unserem unverzichtbar ist. Wenn Eltern ihre Kinder von der Welt fernhalten, verletzen sie somit ihren Erziehungsauftrag.“ Kati S. glaubt: „Wenn der Schulbesuch freiwillig wäre, dann müsste er sich anders und attraktiver gestalten, damit Kinder wieder Lust bekommen, in die Schule zu gehen.“