Dieses Urteil dürfte die deutsch-türkischen Beziehungen weiter eintrüben. Zwölf Jahre nach dem mutmaßlichen „Ehrenmord“ an der kurdischstämmigen Berlinerin Hatun Sürücü hat ein Strafgericht in Istanbul am Dienstag ihre zwei älteren Brüder Mutlu und Alparslan in allen Anklagepunkten freigesprochen. Es hätten „nicht genügend eindeutige und glaubhafte, klare Beweise gefunden werden können“, hieß es in der Begründung.

Der ältere der beiden Angeklagten wurde auch vom Vorwurf des illegalen Waffenbesitzes freigesprochen. Die Richter folgten nicht dem Antrag der Staatsanwaltschaft, die 20 Jahre Haft für die Angeklagten gefordert hatte, weil sie die Bluttat gemeinsam mit ihrem jüngeren Bruder Ayhan geplant hätten, „um die Familienehre wiederherzustellen“.

Hatun Sürücü wurde 2005 in Neukölln erschossen

Hatun Sürücü war 23 Jahre alt, als ihr jüngerer Bruder sie im Februar 2005 mit drei Kopfschüssen an einer Bushaltestelle in Neukölln erschoss. Ayhan Sürücü nahm die alleinige Schuld auf sich und wurde in Berlin zu einer Jugendstrafe von neun Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt. Wie das Berliner Gericht feststellte, musste die alleinerziehende junge Frau sterben, weil sie einen westlichen Lebensstil pflegte, der ihrer Familie nicht gefiel.

Die Mitangeklagten Brüder waren zunächst aus Mangel an Beweisen freigesprochen worden und entzogen sich, nachdem der Bundesgerichtshof die Freisprüche 2007 aufgehoben hatte, weiteren Verfahren durch ihre Flucht in die Türkei. Heute sind sie 36 und 38 Jahre alt.

Der Mörder Ayhan wurde nach Verbüßung der Strafe 2014 in die Türkei abgeschoben. In Istanbul zog er zu seinen Brüdern im Bezirk Ümraniye auf der asiatischen Stadtseite und betrieb mit ihnen einen Köfte-Imbiss. Er fiel immer wieder durch frauenfeindliche Äußerungen in sozialen Medien auf und bewegt sich wie seine Brüder offenbar in islamistischen Zirkeln.

Ein Jahr zuvor, 2013, leitete die türkische Justiz ein Strafverfahren ein und klagte schließlich die beiden älteren Brüder wegen Mordes an. Im Prozess wiesen die Angeklagten die Mordvorwürfe zurück. Der Todesschütze widerrief als Zeuge seine früheren Aussagen und erklärte, seine Schwester nicht wegen ihres Lebensstils umgebracht zu haben. Vielmehr habe er spontan bei einem Streit die Fassung verloren. Auch die Ehefrau des jüngeren Angeklagten, Geschwister und ein Arbeitskollege behaupteten vor Gericht, sie seien modern und hätten nichts gegen einen westlichen Lebensstil.

Damalige Freundin des Todesschützen konnte nicht vernommen werden

Eine wesentliche Rolle für den Freispruch dürfte die Tatsache gespielt haben, dass es dem Istanbuler Gericht nicht gelungen war, die damalige Freundin des Todesschützen als Zeugin zu vernehmen, weil sich ihr Aufenthaltsort nicht ermitteln ließ. Auf ihre Aussagen stützte sich der Schuldspruch in Berlin 2016. Sie hatte bezeugt, dass Ayhan ihr nach der Tat von dem Mord erzählt hatte. Die junge Frau wurde in das deutsche Zeugenschutzprogramm aufgenommen.

Der Mord schuf in Deutschland ein Bewusstsein für die Probleme unterdrückter Mädchen aus konservativen Migrantenfamilien und führte schließlich 2011 zur Verabschiedung eines Gesetzes zur Bekämpfung von Zwangsheiraten. Auch in der Türkei hatten Frauenverbände auf eine Verurteilung der Brüder als Signal für die Rechtsprechung bei Gewalt gegen Frauen aus „verletzter Ehre“ und Zwangsverheiratungen gehofft.

Mag sein, dass die türkische Justiz nach dem Grundsatz „Im Zweifel für die Angeklagten“ handelte. Es mag aber auch sein, dass ihr Freispruch mit den verschlechterten deutsch-türkischen Beziehungen zu tun hat. Die Angeklagten zeigten ihre Einstellung deutlich. Während Alpaslan Sürücü erst gar nicht zur Urteilsverkündung erschien, drehte sich sein mitangeklagter Bruder Mutlu zu den anwesenden deutschen Pressevertretern um und sagte: „Ihr habt den Zorn Allahs auf euch geladen.“