Freitagsgebet in Berliner Sehitlik-Moschee: "Der Terror hat keine Religion"

Die Sehitlik-Moschee im Bezirk Neukölln ist ein islamisches Gotteshaus wie aus dem Bilderbuch. Die leuchtend weiße Fassade des noch jungen Bauwerks bietet einen starken Kontrast zu dem gepflegten Innenhof mit seinen wenigen Grabsteinen und Rasenflächen. Neben der Kuppel ragen zwei Minarette auf. Der mit Ornamenten und bunten Mosaikfenstern reich verzierte Saal wird überragt von zwei Emporen, auf denen sich ebenfalls Betende versammeln können.

„Das ist schon etwas anderes als viele andere Moscheen in Berlin; die sind häufig nur größere Wohnzimmer“, sagt ein 30-jähriger Angestellte eines Ingenieurbüros im Bezirk Tempelhof: „Eigentlich ist es ja auch ganz egal, wo man betet“, fügt er an: „Aber das hier ist schon beeindruckend.“ Wenn er es zeitlich schaffe, komme er immer gern hierher. Er ist mit seinem vierjährigen Sohn zum Beten gekommen.

Wie der Vater und der Sohn sind an diesem Freitag mehrere Hundert Berliner Muslime meist türkischer Herkunft erschienen. Ist das eine ungewöhnlich große Menge? „Eigentlich nicht“, erklärt ein 19-Jähriger aus Moabit, der vor der Mauer auf der Straße auf einen Freund wartet. Vielleicht, sagt er, sei die Zahl ein bisschen höher als sonst: „Auf jeden Fall sind mehr Journalisten da.“

Tatsächlich haben sich im Hof einige Fernsehteams aufgebaut. Im Gotteshaus selbst ist ein Teil der Empore für Berichterstatter vorgesehen, die sich dafür interessieren, wie der Imam und die Gemeinde sich zum Attentat in Paris vom Mittwoch verhalten. Schließlich ist das Freitagsgebet das wichtigste der Woche. Die Worte, die hier fallen, haben besonderes Gewicht.

Furcht vor möglichen Folgen

Draußen im Hof gibt Moschee-Vorstand Ender Cetin Interviews. Vor den Journalisten aus aller Welt wiederholt er die Befürchtung, die er tags zuvor bereits geäußert hat: Er ist besorgt, dass durch den Pariser Anschlag Ängste und Vorbehalte gegenüber Muslimen zunehmen könnten, dass es Gewaltakte gegen Moscheen gebe, dass sich deswegen Gläubige radikalisierten. „Dass sich da etwas hochschaukelt.“

In der Moschee trägt der Imam zu Beginn eine Erklärung vor, auf Türkisch und auf Deutsch; er spricht im Namen der Türkisch-Islamischen Union Ditib, die die Sehitlik-Moschee betreibt. Die Ditib verurteile den Terrorakt von Paris auf das Schärfste. Der Prophet fordere Achtung vor der Schöpfung, die Unverletzbarkeit des Menschen sei elementar: „Dieser Akt ist ein Angriff auf die Menschheit. Wir sind in unseren Gedanken bei den Opfern und ihren Angehörigen.“

Draußen vor der Tür drücken die die Gläubigen ähnliche Gedanken mit ihren Worten aus. Ältere Menschen sind dabei, aber auch viele junge. Anders als viele christlichen Kirchen scheint die Sehitlik-Moschee wenig Probleme damit zu haben, auch junge Gläubige anzusprechen. In den Gesprächen äußert mancher Mitgefühl mit den Opfern. Aber alle sind bemüht, sich von den Tätern zu distanzieren, zu sagen, dass ihr Islam solche Taten verabscheut. „Der Terror hat keine Religion“, sagt ein angehender Wirtschaftsingenieur aus Treptow: Der Koran verbiete Gewalt gegen Menschen. Sie alle hier wollten in Frieden mit ihren christlichen oder nicht-christlichen Nachbarn leben.

Auch ein 39-Jähriger aus Kreuzberg distanziert sich von den Terroristen aus Paris, die sich auf den Islam berufen. Er könne sich gar nicht vorstellen, dass sie ihre Tat religiös begründeten. „Jemand, der jemanden umbringt, steht auf der anderen Seite. Der sieht das Paradies nicht.“ Vielleicht sei es ja doch eher eine politische Tat, sagt er. Sicher aber sei: „Die sind ganz anders als wir.“ Um so mehr bedauere er, „dass immer von Islamismus die Rede ist, wenn irgendwo so etwas passiert. Wir wissen doch noch gar nicht, was das wirklich für Leute waren.“

Das Gefühl, sich für etwas rechtfertigen zu müssen, für das sie gar nichts könne, kennt auch eine 19-jährige Abiturientin aus Friedrichshain. Sie ist mit einer Freundin gekommen. „Aber mich stört das Rechtfertigen nicht, mir macht das sogar Spaß“, erklärt sie, denn sie liebe die Auseinandersetzung über Religion. Natürlich sei sie von den Ereignissen in Paris bewegt, auch weil „so etwas eigentlich gar nicht möglich“ sei in ihrem Glauben. „Wir dürfen nicht morden. Die Attentäter definieren unsere Religion falsch.“

Die beiden Schülerinnen stehen ein wenig abseits. Der Freitag ist der Tag der Männer: Sie müssen an diesem Tag in die Moschee gehen – die Frauen können. Dennoch sind viele Frauen anwesend. Während die Männer ihre Rituale im Haupthaus vollziehen, versammeln sie sich im Nebengebäude zum Gebet.

Zum Ende kommen Frauen und Männer zusammen. Auch dies ist jeden Freitag so im größten muslimischen Gotteshaus der Hauptstadt. Alltag, zwei Tage nach der Katastrophe von Paris.

Totengebet im Hof

Im Hof sprechen alle gemeinsam ein weiteres Gebet, ein Totengebet. Zwei Mitglieder der Gemeinde sind jüngst verstorben, ihre Särge sind aufgebahrt, mit schwarzer Folie verkleidet. Decken mit arabischen Schriftzeichen liegen darüber. Zuvor sind die Toten rituell gewaschen worden. Nach dem Gebet können sie beerdigt werden. Das kann in Berlin nur noch auf einem Friedhof draußen in Gatow geschehen, weil in der Innenstadt alles belegt ist. Oft aber werden die Leichname in die alte Heimat überführt, wie auch in diesem Fall.

Nach dem Gebet werden die Särge auf Gestellen nach draußen gefahren, wo die Bestattungsautos warten. Die Gemeinde zieht mit. Tränen fließen. Der Januarsturm peitscht den Menschen Regen ins Gesicht. Es wird gestorben dieser Tage, und es wird gelebt in der Berliner Gemeinde, die sich von den Vorfällen in Paris distanziert.