Früher Freitagmorgen in Berlin-Mitte, Jannowitzbrücke. Der Schlafplatz ist verwaist, dort, wo im Winter immer mal wieder ein provisorisches Matratzenlager zu sehen war. Wo Obdachlose morgens einem Berg aus Decken und Schlafsäcken entstiegen, notdürftig vor Regen und Wind geschützt durch das Viadukt, über das die Bahnen rumpeln.

Mit den warmen Temperaturen sind sie verschwunden. Sie sind zwar noch in der Stadt, aber nicht mehr sichtbar. Wohnungslosigkeit löst sich im Sommer in der öffentlichen Wahrnehmung auf.

„Das Interesse an diesem Thema lässt deutlich nach“, sagt Svenja Ketelsen von der Organisation Frostschutzengel 2.0. „Dabei ist die Situation genauso prekär wie im Winter. Die Armut ist genauso groß, die medizinische Versorgung genauso schlecht für die Menschen auf der Straße.“ Die Hitze macht ihnen zu schaffen, Durst macht sie krank, die Sonne verbrennt die Haut.

Im Winter: 1000 Schlafplätze, im Sommer: 400

Im Winter stellt die Berliner Kältehilfe 1000 Schlafplätze zur Verfügung, im Sommer sind es nur 400. Wo leben die übrigen Wohnungslosen? Woher kommen sie und viele sind es überhaupt?

Diesen Fragen geht eine Zählung am 22. Juni nach. Sie wird die zweite ihrer Art sein; die erste fand im Januar 2020 statt. Diesmal ist die Erhebung Teil eines größeren Projekts namens „Zeit der Solidarität“. Wenn sie denn stattfinden kann.

Mindestens 1700 Freiwillige werden benötigt, optimal wären 2600. Sie sollen in 619 Bereichen der Stadt Obdachlose zählen, die bei Interesse Angaben für einen Fragebogen machen können. Bisher haben sich lediglich etwas mehr als 750 Freiwillige gemeldet. 93 davon wollen eines der Dreier-Teams leiten, sie werden eigens geschult für den nächtlichen Job.

Obdachlose gibt es nicht nur in der Innenstadt

„Bei der ersten Aktion war die Resonanz zunächst auch sehr schwach, hat aber unmittelbar vor der Zählung extrem zugenommen“, sagt Stella Kunkat, Projektreferentin vom „Verband für sozial-kulturelle Arbeit Berlin“ (VskA), der die „Zeit der Solidarität organisiert“.

Knapp 2000 Obdachlose wurden im Winter 2020 kurz vor der Corona-Pandemie angetroffen. Wie damals wird auch diesmal das Ergebnis nicht repräsentativ sein.

Die Freiwilligen gehen in Viertel, in denen man viele Berliner ohne festen Wohnsitz vermutet, sprechen Menschen an. Wollen die Angesprochenen nicht an der Befragung teilnehmen, werden sie lediglich registriert. Keller, Dachböden oder andere potenzielle Schlafplätze suchen die Zähler nicht auf. Sie dürfen auch nicht über Zäune klettern.

Dennoch ist die Erhebung wichtig, sagt Susanne Gerull. „Durch regelmäßige Zählungen können wir Tendenzen erkennen und erhalten einen Gesamteindruck.“ Die Professorin an der Alice-Salomon-Hochschule gab den Anstoß zu dem Projekt. Im Winter 2023/24 ist eine weitere Zählrunde geplant.

Für Berlin fehlen verlässliche Daten zur Obdachlosigkeit; es gibt bestenfalls Schätzungen, die stark voneinander abweichen. „Wir brauchen aber eine solche Wissensbasis, um Hilfe zielgerichtet anbieten zu können“, sagt Gerull.

Die erste Erhebung ergab zum Beispiel, dass der größte Teil der Befragten nicht aus Deutschland, sondern anderen EU-Staaten stammte. Fast die Hälfte hatte seit drei Jahren keinen festen Wohnsitz mehr.

Obdachlosigkeit, das stellte sich ebenfalls heraus, ist kein Phänomen der Innenstadtbezirke, auch Berlins Ränder sind betroffen, Reinickendorf zum Beispiel.

Mit 750.000 Euro unterstützt das Land die „Zeit der Solidarität“. Sie soll über die dritte Zählung hinausgehen. Projektreferentin Kunkat sagt: „Im Haushalt steht, dass sie verstetigt wird.“