Die Gestelle sind zusammengeschraubt, die Betten bezogen. Die Helfer sitzen herum. Nach der Arbeit habe ich mich mit zwei Freundinnen auf den Weg zu einer der neuen Berliner Notunterkünfte gemacht. In der Turnhalle des Freizeit- und Erholungszentrums (FEZ) in Köpenick sollten vergangene Woche 200 Flüchtlinge einziehen. Ich will sehen, wie das funktioniert. Was die Helfer bewegt. Ob Berlin diese Situation noch bewältigen kann.

Wir betreten die Turnhalle. Zunicken, Umarmungen, man kennt sich. „Bist du das, von Facebook?“ In Berlin ist längst eine Helferszene entstanden. Im provisorischen Büro gibt es ein Namensschild, dann warten. Einzige Anweisung: Wenn sie kommen, seid einfach Mensch.

Lachen und stummer Schrei

Sie kommen. Manche mit den Händen tief in den Taschen, Kapuze, Kopf gebeugt. Manche mit Taschen, auch Rollkoffern, erwartungsvoll. Es ist kalt. Etwas hilflos stehe ich herum. Ich will mich nicht aufdrängen. Jemand spricht mich auf Arabisch an, ich verstehe nichts.

In der Mitte stehen Bänke und Tische. Es gibt Toastbrot und Stifte. Einige Kinder fangen an zu malen. Eine Helferin setzt sich daneben, die Kinder grinsen. Die anderen Flüchtlinge schauen, wie es weitergeht, sehen ratlos aus. Hoffnungsvoll waren sie am Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) in die Busse gestiegen, und nun landen sie in einer Turnhalle am Waldrand. Hier schlaft ihr nur, erklären wir. Ansonsten: keine Ahnung.

Ich frage bei den Mitarbeitern nach, ob in den nächsten Tagen Busse zur Bundesallee fahren, um das Asylverfahren voranzubringen. Schulterzucken. „Wir registrieren hier erstmal. Das Lageso meldet sich dann.“ Dass das Lageso hier irgendwas tut, glaubt von den Helfern keiner. Eine Helferin sagt zu zwei Kindern, „morgen“, und macht Schwimmbewegungen. „Morgen gehen wir schwimmen.“ Falsche Hoffnungen sind sowieso Alltag.

Die Sicherheitsleute sind Helden. Übersetzen alles, erklären alles, bleiben ruhig. Eine Frau blutet, im Bus erbrach sie sich. Sie ist schwanger. Ein Helfer ruft einen Krankenwagen, eine andere Frau fährt mit.

Der nächste Bus mit Flüchtlingen kommt. Ich gehe raus, weise den Weg und sage „Hallo“. Lächeln und Freude. Dann ein Mann, Jacke offen, Augen rot. Auf dem Arm ein Kind, Raaf, ungefähr zwei Jahre alt. Die Haare zerzaust, die Augen weit offen, immer an der Schwelle zum Schreien, aber still. Dahinter Malef, vier Jahre vielleicht. Klammert sich an den Zaun, tastet sich langsam voran. Sie weint. Eine Helferin will das Mädchen an die Hand nehmen, doch Malef dreht sich weg. Der Vater grinst schwach.

In der Halle steht er verloren herum. Ich hole zwei Kuscheltiere, andere holen Tee. Die Kinder greifen zu. Der Blick des Kleinen irgendwas zwischen Lachen und einem stummen Schrei. Ich frage eine andere Helferin, ob es eine Mutter gibt, Schulterzucken. Der Vater versteht kein Englisch oder ist einfach nicht ansprechbar.

Endlich gehen die Toiletten, das Wasser ist angeschlossen. Vorher haben wir die Flüchtlinge in die Büsche geschickt. Ich gehe drinnen auf die Diensttoilette. Ich lasse mir Zeit, durchatmen. Kurz versuche ich zu rekapitulieren, was hier eigentlich passiert, aber man versteht es nicht. Man ist nur dabei.

In der Halle setze ich mich auf eine Bank. Ein Junge schaut mich an, 20 Jahre vielleicht. Leichte Hasenscharte, ich verstehe ihn nicht. Dann merke ich, dass er Deutsch spricht. Sein Name ist Murat. Er zeigt mir seine Papiere. Eine Aufenthaltsgestattung für eine Woche, abgelaufen Anfang Oktober. Er fragt: „Polizei?“ Ich sage: „Nein, kein Problem.“ Aber ich weiß es auch nicht. Ich bin ja kein Rechtsberater.

In der Halle gibt es drei Bereiche. Aufenthalt in der Mitte, Familien links, Männer rechts. Dann ist da ein Pärchen. Ich suche freie Betten für sie im Familienbereich, aber es gibt keine. Die Frau schaut mich wütend an, spricht gutes Deutsch. „Ich schlafe nicht bei den Männern!“ Ich sage: „Bei den Familien sind doch auch Männer. Wir suchen euch eine ruhige Ecke im anderen Teil, wartet bitte kurz.“ – „Immer warten. Ich will nicht warten“, entgegnet sie. Ich schaue sie verzweifelt an, sie mich wütend. „Dann schlafen wir eben draußen, komm!“, sagt sie zu ihrem Mann.

Ich rufe schnell Helfer zusammen. Wir wollen vom Männer-Bereich Betten rübertragen. Wir heben gerade die ersten Betten an, da kommt der Heimleiter: „Stopp, hier wird nichts umgestellt!“ Ich will wieder zum Paar gehen und sie überreden, doch im Männerbereich zu schlafen. Aber ich finde sie nicht, den ganzen Abend sehe ich sie nicht mehr. Draußen regnet es.

„Seine Frau ist tot, er ist allein“

Bald sind alle registriert und haben ein Bett. In den Doppelstockbetten bleiben vereinzelt die oberen Plätze frei. Einige haben Angst rauszufallen. Eine Gruppe von Männern hat einen Müllsack auf dem Boden ausgebreitet und spielt darauf Karten. Wir rufen erneut einen Krankenwagen, weil sich ein Afghane vor Schmerzen krümmt. Um 23 Uhr rennen Kinder wild durch die Halle. Murat kommt zu mir und schaut mich wieder verzweifelt an. Ich glaube, er hat Angst. Ich kann sie ihm nicht nehmen.

Um kurz nach 1 Uhr wird das Licht gedimmt. Wir setzen uns in die Mitte, atmen durch. Die Füße tun weh vom vielen Stehen. Ein Helfer sagt: „Schon anstrengend, aber gibt irgendwie ein gutes Gefühl.“ Ich höre Kinderlärm. Ich schaue in den Familienbereich, sehe dort Raaf und Malef spielen. Raaf zieht eine Holzente hinter sich her. Wir halten den Finger vor den Mund und machen Schlafgesten. Da ist wieder dieser Blick, irgendetwas zwischen Lachen und stummem Schrei. Ich sehe einen braunen Fleck auf Raafs Hose und fühle mich hilflos, mal wieder.

Wir holen den Sicherheitsmann. „Wo sind deine Eltern?“, fragt er Malef auf Arabisch. Sie antwortet: „Mama ist tot.“ Nach einigen Minuten kommt ihr Vater angelaufen, mit müdem Blick, schüchtern. Er nimmt Raaf auf den Arm. „Was ist los?“, fragt der Sicherheitsmann. Er übersetzt die Antwort. „Seine Frau ist im Mittelmeer gestorben. Er ist allein.“ Er wiederholt es immer wieder und bekommt feuchte Augen. Wir fragen, ob wir beim Wickeln helfen können. Der Vater winkt ab. Ich schaue ihnen nach. Der Vater hat Raaf auf den Boden gesetzt und ihm ein Kuscheltier gegeben. Vielleicht weiß er nicht, dass man das Kind einfach ins Bett legen, zudecken, es in den Schlaf streicheln sollte.

Um kurz nach 2 Uhr entscheiden wir, dass wir hier nichts mehr tun können. „Ihr geht nach Hause?“, fragen zwei Syrer, die nicht schlafen wollen. „Es ist Freitag, man, da geht man aus!“ Sie kommen mit uns zum Nachtbus und fahren in die Stadt. Das Beste kommt noch, denke ich. Was bleibt einem auch sonst übrig.