Das Telefon klingelt. Theobald Tiger ist dran. Theobald Tiger heißt die Buchhandlung, in der ich sehr viele Bücher kaufe, bestelle, und in die ich manchmal auch gehe, wenn ich kein Buch kaufen will, sondern nur gucken, was freilich selten klappt.

Theobald Tiger fragt, wann ich meine Bestellung abholen käme, die Bücher seien nun schon seit drei Tagen da und sonst käme ich doch immer gleich nach ihrem Eintreffen.

Theobald Tiger klingt beinahe etwas besorgt. Ich sage, dass ich heute noch komme. Tatsächlich habe ich vergessen, dass ich das Buch bestellt habe. Vielleicht bestelle ich zu viele Bücher.

Ein warmes Gefühl in der Brust

Auf dem Weg zum Laden denke ich nicht nur freudig an die Bücher, die gleich mir gehören. Das warme Gefühl in der Brust hat einen weiteren Ursprung.

Vor einiger Zeit hat Theobald Tiger mal angerufen und gefragt, ob ich mein Notizbuch am Vortag dort vergessen hätte. Es stünde zwar keine Name drin, aber sie hätten gleich an mich gedacht. Weil ich ja immer was notiere.

Mir war der Verlust noch gar nicht aufgefallen, ein Blick in die Tasche bestätigte jedoch die Abwesenheit des mir wichtigen kleinen Buches. Ich sagte Theobald Tiger, dass ich es mit den bestellten Büchern am nächsten Tag abholen käme.

Auf ein nettes Gespräch

Am nächsten Tag rief Theobald Tiger erneut an. Leider seien meine Bücher nicht mitgekommen, ob das schlimm sei? „Nein“, sagte ich, „aber das Notizbuch hole ich trotzdem ab.“ Der Aufenthalt wurde, auch ohne die bestellten Bücher, etwas länger, weil die Inhaberin und ich uns noch unterhielten.

Sie fragte mich nach einem Buch, das ich mal bestellt hätte, und wie ich es fand. Sie habe es endlich gelesen. Ich musste eine ganze Weile überlegen, welchen Titel sie meint, und als es mir einfiel, stellte ich fest, dass die Lektüre ein gutes halbes Jahr her war. 

Der kleine Aufkleber

Dass sie immer noch wusste, dass die Empfehlung von mir war, rührte mich. Dann schwärmte ich noch ein bisschen von momentanen Lektüren, sie notierte sich etwas, „bis morgen dann“. Mein Notizbuch trug einen kleinen Aufkleber mit meinem Namen und einem Fragezeichen.

Trug? Trägt. Ich habe ihn draufgelassen, weil er mich immer daran erinnert, was für ein Geschenk kleine Buchhandlungen sind. Theobald Tiger ruft immer an, wenn etwas schiefgelaufen ist oder länger dauert. Meinen Namen kannten sie nach wenigen Wochen. 

Wie ein Besuch bei einer guten Freundin

Die Gespräche über Bücher sind ohne Zahl. Immer, wenn ich dort rausgehe, geht es mir noch besser (wenn es mir vorher gut ging) oder besser (wenn ich vorher niedergeschlagen war).

Besuche in solchen Läden sind wie Besuche bei guten Freundinnen oder einem Lieblingsonkel. Schöne Buchhandlungen gibt es ohne Zahl. Man hat ja auch viele Freunde und Verwandte, nahe und ferne. Aber ich will nie sein ohne eine, die ich kenne und wo ich gekannt werde. Und die anruft, wenn was ist.