Freyenstein - Inmitten einer kurz gemähten Wiese im Archäologischen Park Freyenstein am Rande des gleichnamigen Prignitz-Ortes liegt ein fein säuberlich aneinandergereihtes langes Steinpflaster. Große, tiefer in die Erde getriebene Brocken fassen kleine Rundlinge ein. Thomas Schenk verlangsamt den Schritt, als er auf die Steine tritt. Es wirkt so, als betrete er heiligen Boden.

Für den Archäologen ist er das auch. „Als wir das freilegten, habe ich schon Gänsehaut bekommen“, sagt der 47-Jährige. „Da ging wie so oft bei der Arbeit hier in Freyenstein mein Kopfkino an: Ich dachte, die letzten, die hier drüber gegangen sind, waren Burgherren, Soldaten, Handwerker, Bauern, Mägde des 13. Jahrhunderts. Das ist pures, unberührtes, unverfälschtes Mittelalter.“

Das Pflaster ist ein Stück des alten Burgweges, der wie das gesamte Stadtmuster der Keller, Straßen und Plätze des alten märkisch-mecklenburgischen Grenzortes im Ackerboden konserviert ist. Und es ist dem promovierten Berliner Grabungsingenieur Thomas Schenk zu verdanken, dass dieses seit mehr als 700 Jahren in der Erde schlummernde „brandenburgische Pompeji“ auch für den Laien sichtbar und erlebbar geworden ist.

Glücksfall der Geschichte

Das alte Freyenstein, das von seinen Bewohnern Ende des 13. Jahrhunderts verlassen wurde, gilt heute nach fast 20 Jahren Forschung und Museumsaufbau als die am besten erhaltene mittelalterliche Stadtwüstung in Deutschland.

„Es ist schon ein Wunder, was wir hier vor uns liegen haben“, sagt Schenk, während er vom stilisierten Stadttor der einstigen Grenzfeste den Blick über die scheinbare Leere des Wiesen- und Ackerlandes schweifen lässt. „Die Stadt ist nie überbaut worden. Ein Glücksfall der Geschichte.“

Die Bewohner, so weiß man heute, hatten einen wohlgeordneten Stadtumzug organisiert. Sie bauten ein Stück weiter das heutige Freyenstein auf. So wollten sie sich besser vor den Übergriffen der feindlichen Nachbarn schützen. Die Gebäude der Altstadt wurden abgetragen, die Keller zugeschüttet und das gesamte Areal in Ackerland umgewandelt. Das ist bis in die Neuzeit so geblieben.

Schnell elektrisiert

Lediglich eine Mühle ist in die freie Fläche hinein gebaut worden. Bei Kabelarbeiten in ihrem Umfeld stieß man in den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts auf Mauerreste im Boden. Anschließende Grabungen brachten mehrere Keller zutage. Aber es schlossen sich keine weiteren Erkundungen an. Bis Thomas Schenk kam.

Die Suche nach einem Thema für seine Diplomarbeit führte ihn zur Jahrtausendwende als Student nach Freyenstein. Er hatte sich die Erlaubnis der Bauern eingeholt, um mit einem Magnetometer über den Acker ziehen zu dürfen. Das ist ein Messinstrument, mit dem sich unnatürliche Strukturen im Boden erkennen lassen. Der junge Mann war schnell elektrisiert, denn seine Ergebnisse fügten sich Stück für Stück zu einem digitalen Stadtplan zusammen.

Zunächst allein zutage gefördert

Als Schenk davon auch im Ort erzählte, fanden sich schnell ein paar heimatverbundene Enthusiasten, die den jungen Wissenschaftler nicht einfach wieder so von dannen ziehen ließen. „Die Verbindung zu den Menschen hier vor Ort hat mich geprägt“, sagt Schenk. „Sie hat mich verstärkt darüber nachdenken lassen, wie man den Boden anschaulich und trotzdem fachlich fundiert zum Sprechen bringen kann, ohne die Funde zu zerstören.“

So hat der heutige Dozent an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin-Karlshorst innerhalb von knapp zwei Jahrzehnten zunächst ganz allein und später mit Kollegen und Studenten, mit Museologen und Landschaftsgestaltern, mit der Unterstützung der Stadtverwaltung von Wittstock und der Denkmalbehörden des Landes die Umrisse und das Innenleben der versunkenen märkischen Stadt wieder zutage gefördert.

Es ist kein Disneyland

Besucher können heute an vielen Stellen in das Erdinnere, in freigelegte Feldsteinkeller schauen. Sie können über das Burgstraßenpflaster in Richtung der wieder sichtbar gemachten Gräben und Wälle der Befestigungsanlage wandeln.

Sie können mit Hilfe eines Audioguides den Fischhändler Heinrich Beckelhering auf seinem Weg zum Marktplatz begleiten und in dreidimensionalen Bildprojektionen den Bewohnern von einst begegnen. Sie können auf einem durch Stahl-Skulpturen sparsam angedeuteten Marktplatz das Geschäfts- und Handelsleben der mittelalterlichen Stadt nachvollziehen.

Sie können – natürlich an originaler, vom Archäologenteam belegter Stelle – auf das nachempfundene Stadttor steigen und das riesige, 25 Hektar große Areal in seiner gesamten Dimension überblicken. Es ist kein Disneyland. Die Besucher sehen – mit ein bisschen Fantasie – eine Stadt durch den Boden schimmern.

Der Friedhof fehlt noch

Thomas Schenk ist heute Leiter des Studiengangs Grabungstechnik und Landschaftsarchäologie an der Karlshorster Hochschule. Der Dozent ist mit seinen Studenten inzwischen an vielen anderen Orten in Brandenburg und auch im Ausland unterwegs, um dem Boden seine Geheimnisse zu entlocken.

Schenk schult den Nachwuchs darauf, die archäologischen Spuren der Landschaft lesen zu können. Das hat er in Freyenstein gelernt, das natürlich längst zum Lehrstoff geworden ist.

Der Ort lässt ihn nicht los. „Wir haben keine Kirche und keinen Friedhof gefunden. Die müssen hier noch irgendwo sein“, sagt er. Dieses Rätsel würde der 47-jährige archäologische Fährtenleser noch gelöst wissen.