So viele Berliner Schüler wie noch nie wollen an der großen „Fridays for Future“-Demonstration für mehr Umweltschutz teilnehmen, die an diesem Freitag im Invalidenpark in Mitte stattfindet. Weltweit demonstrieren an diesem Tag Schüler an verschiedensten Orten. Allerdings verhalten sich die Berliner Schulleitungen in Sachen Schulpflicht völlig unterschiedlich. Manche tun alles, um den Jugendlichen die Teilnahme zu ermöglichen – andere akzeptieren noch nicht einmal ein Entschuldigungsschreiben der Eltern.

Schulleiter Michael Tiedje spricht sich für den Streik der Schüler aus

An der Evangelischen Schule Köpenick erlaubt der Schulleiter allen ernsthaft interessierten Schülern, an der Demonstration teilzunehmen. Eltern mussten lediglich bis zu einem Stichtag beantragen, dass ihre Kinder zu der Demonstration gehen. „Diejenigen, die an diesem Tag Unterricht versäumen, sind verpflichtet, sich selbstständig über den versäumten Unterrichtsstoff zu informieren und ihn nachzuholen“, heißt es in einem Schreiben des Schulleiters Michael Tiedje an die Eltern. Er beruft sich mit dieser vergleichsweise großzügigen Regelung ausdrücklich auf das Berliner Schulgesetz.

Dort sei geregelt, dass Erziehungsberechtigte auf schriftlichen Antrag hin ihre Kinder aus wichtigem Grund vom Unterricht beurlauben lassen können. Zwar werde die Teilnahme an einer Demonstration in der eigenen Regelung zur Schulpflicht nicht ausdrücklich genannt. Doch stellt Schulleiter Tiedje fest: „Angesichts unseres Jahresmottos ‚Demokratie beweg(t) dich‘ bin ich allerdings gern bereit, den Schülerinnen und Schülern mit ernsthaftem Interesse die Gelegenheit zu geben, auf diesem Wege aktive Erfahrungen mit dem Thema Demokratie zu sammeln.“ Eine kreative Rechtsauslegung darf man das wohl nennen. Aufsichtführende Lehrer könnten die Schüler allerdings nicht begleiten. Elternvertreter unterstützen das Vorgehen. „Warum sollten unsere Kinder für die Zukunft lernen, wenn es die Zukunft wegen der Umweltverschmutzung gar nicht gibt“, sagte ein Vater.

Andere Schulen verfahren wesentlich strenger. In einem aktuellen Newsletter des Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Gymnasiums in Prenzlauer Berg teilte die Vize-Schulleiterin unmissverständlich mit, dass die Teilnahme an Demonstrationen nicht zulässig sei. „Wer an diesen Demonstrationen dennoch teilnimmt, fehlt unentschuldigt“, schreibt die stellvertretende Schulleiterin weiter. Leistungsüberprüfungen jeglicher Art seien für die abwesenden Schüler mit der Note 6 zu bewerten. Und noch einmal ganz deutlich: „Entschuldigungen der Eltern für Demo oder Streik sind nicht möglich.“

An anderen Schulen erscheinen die Fehlzeiten an „Fridays for Future“ nicht in den Zeugnissen

Andere Elternvertreter bezweifeln, ob es tatsächlich rechtlich zulässig ist, Entschuldigungen seitens der Eltern nicht anzuerkennen. Familienrechte seien ja als Grundrecht im Grundgesetz verankert, sagte der Elternvertreter einer anderen Schule.

Es gibt andere staatliche Schulen, die die politisierten Schüler stärker unterstützen. An der Fritz-Karsen-Gemeinschaftsschule in Britz haben sich die Lehrer nach Informationen der Berliner Zeitung darauf verständigt, dass die durch die Teilnahme an der Demo entstehenden Fehlzeiten von Oberstufenschülern nicht auf dem Zeugnis erscheinen. Auch würden wohl einige Klassen die Demonstration im Rahmen einer Exkursion besuchen. Demokratie- und Umwelterziehung seien schließlich als fächerübergreifende Themen in den aktuellen Lehrplänen vorgesehen. 

Die obersten Berliner Schülervertreter hatten bereits am Dienstag ein Treffen mit Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) zu diesem Thema. Die Schüler präsentierten dort Fälle von Schulen, die hier kreative Lösungen anbieten. „Es gibt weitere Schulen, die machen im Rahmen des Politik- oder Erdkundeunterrichtes eine Exkursion zur Demonstration“, berichtet Lucas Valle Thiele vom Landesschülerausschuss. Andere hätten abgesprochen, die Fehlzeiten von Schülern am Freitag gar nicht zu erfassen. Andernorts würden Eltern vorgefertigte Beurlaubungsanträge für ihre Kinder einreichen.

Bildungssenatorin Sandra Scheeres drückt Sympathie aus - trotzdem gelte die Schulpflicht

Nach Paragraf 46 des Berliner Schulgesetzes können Schüler tatsächlich aus einem wichtigen Grund vom Unterricht beurlaubt werden. Die Ausführungsvorschrift zur Schulbesuchspflicht vom November 2014 gibt sogar konkrete Beispiele für einen wichtigen Grund an. Genannt werden zum Beispiel Arztbesuche, familiäre Gründe wie Eheschließungen oder Todesfälle, Vorstellungsgespräche. Berufsberatung oder Reisen aufgrund eines ärztlichen Attests, etwa für Kuren. Während die Teilnahme an Demonstrationen nicht ausdrücklich genannt ist, wird klargestellt, dass Rundfunk-, Film- und Fernsehaufnahmen in der Regel keinen wichtigen Grund darstellen.

Scheeres selbst drückt zwar ihre „Sympathie“ für die demonstrierenden Schüler aus, es gelte aber die Schulpflicht. Das Thema Nachhaltigkeit sei allerdings ein zentraler Aspekt von Bildung im 21. Jahrhundert. Deshalb sei die „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ ein verpflichtendes fächerübergreifendes Thema in den neuen Rahmenlehrplänen.

Auch die Gewerkschaft GEW hat sich bisher nicht eindeutig für die Streiks positioniert. Es gebe ja Lehrer, die ihre Fächer wie Kunst oder Chemie oft hauptsächlich an einem Wochentag anböten. „Stellen Sie sich vor, das ist meistens am Freitag! Dann fehlen viele Schüler, die an den Demos teilnehmen, womöglich wochenlang“, sagte GEW-Landeschef Tom Erdmann.