Gerade, dass in Manchester erstmals Kinder das Ziel der terroristischen Anschläge waren, habe sie extrem erschüttert. „Und auch London. Da sitze ich vor dem Fernseher, sehe live erste Meldungen, schaue diese Bilder in Stunden innerer Einkehr, jetzt im Ramadan. Das geht natürlich nicht spurlos an einem vorbei“, sagte die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor dem Kölner Stadtanzeiger. Manchester habe dann „das Fass zum Überlaufen gebracht“.

Deshalb ruft sie gemeinsam mit anderen Organisatoren zu einer Großdemonstration von Muslimen als Zeichen gegen Terror und Gewalt am Sonnabend in Köln auf, eine in Berlin soll am 23. Juni folgen. Die Demonstration steht unter dem Motto „Nicht mit uns“. Mitorganisator und Friedensaktivist Tarek Mohamad rechnet am Sonnabend mit bis zu 10.000 Teilnehmern bei dem Marsch. „Es können aber auch nur 5000 oder 25.000 werden.“

Gegenwind aus Berlin

Doch hat der Aufruf unterschiedliche Reaktion provoziert. Während etwa der Zentralrat der Muslime und der aus der Türkei gesteuerte Moscheeverband Ditib die Initiative auch personell unterstützen, kommt aus Berlin Gegenwind. Seyran Ates, seit vielen Jahren streitbare Kämpferin gegen einen autoritären und für einen liberalen Islam sowie für ein friedliches Zusammenleben der Religionen, distanziert sich, wenn schon nicht von den Ideen, so aber von den Organisatoren der Kölner Demonstration. „Es ist toll, dass so etwas passiert. Aber warum jetzt? Bei mir haben schon viele andere Sachen in den vergangenen Jahren das Fass überlaufen lassen, dazu brauchte es nicht die Attentate von Manchester oder London“, sagt Ates. „Es ist traurig, dass Lamya Kaddor so etwas sagt.“

Die 54-jährige Rechtsanwältin und Frauenrechtlerin Ates hätte schon aus einem naheliegenden Grund keine Zeit, nach Köln zu der Demonstration zu reisen. Nach achtjähriger Vorarbeit öffnet am Sonnabend in Berlin-Moabit in einem Bau der evangelischen Kirche ihre Ibn-Rushd-Goethe-Moschee, eine liberale Moscheegemeinde. „Ich habe in den Tagen um die Eröffnung wirklich enorm viel zu tun“, sagt Ates.

Schon der Name der Moschee ist in Ates’ Augen Programm. Der arabische Islamgelehrte, Philosoph und Arzt Ibn Rushd – auch bekannt unter dem Namen Averroës – war eine der herausragenden Persönlichkeiten im maurisch geprägten Spanien des 12. Jahrhundert. Zusammen mit dem Dichterfürsten und Universalgelehrten Johann Wolfgang von Goethe soll er Namenspatron eines Gotteshauses sein, das „auf der Grundlage einer säkularen Gesellschaft und eines liberalen Islam“ gründen soll, wie Ates sagt. In Zeiten, in denen ihre Religion immer mehr mit Terror in Verbindung gebracht werde, müsse gezeigt werden, „dass der Islam sehr wohl mit der Demokratie vereinbar ist“, sagt sie.

Weitere Aktionen angekündigt

Demo-Organisatorin Lamya Kaddor sagt: „Wir Muslime müssen uns von den Tätern stärker abgrenzen und ihre gesellschaftliche Ächtung herbeiführen.“ Es gehe ihr um eine Verurteilung des islamistischen Terrorismus und um ein gemeinsames Bekenntnis der Muslime zur „offenen und pluralistischen Gesellschaft“. „Wir wollen diesen Verbrechern zurufen: Es reicht uns“, sagte Kaddor.

Sie hat bereits weitere Aktionen angekündigt. Auf Köln solle Berlin folgen, dann Hamburg. Auf Unterstützung von Seyran Ates wird Kaddor auch dann verzichten müssen, schließlich plane sie selbst demnächst eine große Demonstration gegen Terror und Gewalt in Berlin, so Ates. Keimzelle solle eine „Mahnwache für Menschenrechte – gegen religiösen Fanatismus“ sein, die sie unter anderem zusammen mit Lala Süskind, der ehemaligen Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in Berlin, regelmäßig am Brandenburger Tor abhält. Motto: „Kein Mord im Namen Gottes“.

Zuspruch für die Demonstration am Sonnabend in Köln kommt dagegen vom Generalsekretär des türkischen Islamverbands Ditib, Bekir Alboga. „Wir haben schon bisher jeden Anschlag aufs Schärfste verurteilt. Wenn diese Initiative dazu beiträgt, dass dies künftig auch in der breiten Öffentlichkeit besser wahrgenommen wird, wäre ich sehr glücklich“, sagte Alboga dem Kölner Stadtanzeiger. Ob die Ditib den Aufruf auch offiziell unterschreibe, werde kommende Woche im Vorstand beraten.

Auch der Zentralrat der Muslime werde einen Redner schicken, so Organisator Tarek Mohamad. Ob dies der Vorsitzende Aiman Mazyek sein werde, stehe allerdings noch nicht fest. Mazyek hatte sich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung dafür ausgesprochen, Extremismus in den eigenen Reihen zu entlarven. Es helfe aber den Terroristen, wenn alle Muslime unter Generalverdacht gerieten.

Es sei ein „Ammenmärchen, wenn jemand behauptet, wir Muslime würden nicht Gesicht zeigen“, betonte er. Er könne es Nichtmuslimen jedoch nicht verdenken, wenn diese „von jedem Muslim erwarten, sich vom muslimisierten Terrorismus zu distanzieren“.