Wie ruhig die Wohnstraßen in Weißensee am Vormittag sind. Arbeit, Schule, Kita: Fast alle sind irgendwo und machen was. Ein Paketbote klingelt vergeblich an einer Tür. Der winzige Spielplatz ist leer bis auf ein einzelnes Kind und seine Mutter. Fast leere Spielplätze finde ich eigentlich noch trostloser als ganz leere, doch diese beiden wirken sehr vergnügt. Das Kind schaukelt und quiekt, die Mutter schubst an und freut sich.

Richtung Jüdischer Friedhof wird alles noch leiser. Als ob etwas von der ortstypischen Stille abstrahlte auf die Umgebung. Neulich las ich, dass Vicco von Bülow und seine Frau Romi gerne auf Friedhöfen spazieren gingen. Der Mann, der für mich und so viele vor allem der Typ mit der Nudel, der Kopf hinter der Badewannenente, der Schöpfer des Kosakenzipfels ist, prüfte bei diesen Gängen, so stand es da, die Orte „auf ihre Ruhetauglichkeit“. Das hat mir gefallen. Und so kommt es, dass ich an Loriot denke, während ich kurzentschlossen die Herbert-Baum-Straße entlanggehe in Richtung des eindrucksvollen Eingangsportals.

Friedhof - ein Ort der Liebe

Das Ehrengrab von Herbert Baum befindet sich am Anfang des riesigen Friedhofs. Der Kommunist und Widerstandskämpfer Baum wurde nur dreißig Jahre alt. Er nahm sich am 11. Juni 1942 im Gefängnis Moabit das Leben. Viele Inschriften erzählen von der deutschen und jüdischen Geschichte. Von den dunkelsten Jahren, unfassbarem Leid, heldenhaften und oft viel zu kurzen Leben.
Andere Gräber sind sehr alt. So alt, dass sie sich mit der Natur vermischt und verwuchert haben. Ich sehe einen Grabstein, der von einem Baum in Schieflage gedrückt wurde über ein Jahrhundert.

Stamm und Stein sehen aus, als umarmten sie sich. Apropos Umarmung und Schieflage: Etliche Grabsteine haben sich einander zugeneigt, und da es oft Paare sind, die darunter begraben liegen, wirkt es, als ob sie sich aneinander lehnen. Schulter an Schulter. „Des Lebens Grenzstein aber nicht der Liebe“ lese ich in einer Inschrift. Und denke darüber nach, was Friedhöfe alles sind. Letzte Ruhestätte. Orte des Abschieds und der Tränen. Erinnerer und Bewahrer. Treffpunkt für die Lebenden und die Toten. Und eben Orte der Liebe.

Die Ruhe nimmt man mit

Wie schmal sie ist, diese steinerne Grenze. Direkt hinter den Friedhofsmauern stehen Wohnhäuser, man sieht Balkone, erahnt die Wohnzimmer dahinter und das Leben darin. Auf vielen Gräbern liegen frische Blumen und kleine Steine, glänzend, als seien sie gerade erst blank gerieben worden.

Ich verlasse den Friedhof. Ein Bote kommt mir auf dem Fahrrad entgegen und pfeift. Vor einem Haus stoppt er und ruft „Hi!“ in meine Richtung. „Hi“ sage ich. Am Ende der Herbert-Baum-Straße passiere ich die Grundschule. Es ist Pause, das Gezwitscher der Kinder mischt sich mit dem weniger Vögel. Die Stille von eben berührt das nicht. Ist ein Ort ruhetauglich, nimmt man die Ruhe mit, stelle ich fest. Und denke über das Leben nach und den Tod und kurz noch mal an Vicco von Bülow.