Auch ein Ort für die Lebenden: Viele Berliner und Touristen besuchen den Friedhof, um zu spazieren und die Ruhe zu genießen.
Foto: Gerd Engelsmann

BerlinDie denkmalgeschützten Friedhöfe südlich der Bergmannstraße stehen in jedem Reiseführer. Die vier aneinander angrenzenden sind ein Ort der Ruhe, Naturschützer und Denkmalschützer haben ein Auge auf das städtische Kleinod geworfen.

Doch die Idylle ist in Gefahr. Denn während die Besucherzahlen wachsen, wird die Zahl der Menschen, die sich auf einem der Friedhöfe an der Bergmannstraße zur letzten Ruhe begeben möchte, kleiner. Berlins Friedhöfe klagen über schlechte Geschäfte, von den kostengünstigen Urnenbestattungen könne man nicht leben. Die Pflege von Wegen, Bäumen und denkmalgeschützten Gräbern sei teuer. In ihrer Not sah sich die Verwaltung an der Bergmannstraße schon gezwungen, eine Kapelle als Wohnsitz zu verpachten und ein Café zwischen den Gräbern zu eröffnen.

Um an öffentliche Gelder zu gelangen, widmete sie einen Teil der Friedhöfe zum Friedhofspark um. Zuletzt war von einer Wohnsiedlung auf dem Friedrichwerderschen Kirchhof an der Jüterboger Straße. Da begann sich die Nachbarschaft zu sorgen.

Plan zur Friedhofsnutzung

Nicht unberechtigt: 2006 hat der Senat mit dem Evangelischen Friedhofsverband einen „Friedhofentwicklungsplan“ erarbeitet, der vorsieht, dass von 265 Hektar Friedhofsflächen etwa 120 Hektar zu Parkanlagen oder Grünflächen, aber auch zu Bauland werden sollen. Pfarrer Gahlbeck, Geschäftsführer des Evangelischen Friedhofsverbandes Stadtmitte, bestätigte: „Wir wollen mit der Randbebauung den Erhalt des Friedhofes sichern.“

Geplant seien 53 Appartements zunächst für etwa 160 Geflüchtete, in moderner und ökologischer Modulbauweise. Dadurch können sich die Bauherren auf die vereinfachten Baubedingungen des Sonderparagrafen 246 zur Errichtung von Flüchtlingsunterkünften berufen. Später könnten „vielleicht Studenten oder Künstler“ dort wohnen, so Gahlbeck.

Aber die Kreuzberger sind skeptisch. Sie gründen eine Bürgerinitiative und beginnen mit dem Sammeln von Unterschriften, während Politik und Kirche geschlossen hinter dem Bauprojekt stehen. Die lokale SPD wirbt vor der Markthalle mit Flugblättern für eine Bebauung. Inzwischen beginnen die Friedhofsgärtner damit, auf dem geplanten Baugrundstück Baumschnitt, Unrat und ausgediente Grabsteine abzulagern.

Tiefgreifende Veränderungen

Es wächst ein unansehnlicher Müllberg vor den denkmalgeschützten Erbbegräbnissen in den Himmel. Auf dieses Feld, das die Friedhofsverwaltung jetzt als „Wirtschaftshof“ bezeichnet, führt man an einem regnerischen Oktobernachmittag des Jahres 2019 die Kommission der Denkmalschützer, die sie sich ein Bild machen soll.

Bereits einen Tag später erklärt der Landesdenkmalrat, dass „ein Baukörper des geplanten Ausmaßes und der vorgesehenen Positionierung die Lesbarkeit und Substanz des Gartendenkmals beeinträchtigen wird“ und bemängelt, dass „der geplante Neubau an dieser Stelle städtebaulich nicht hinreichend durchdacht ist und auf die Struktur des Friedhofs keine Rücksicht nimmt.

Friedhof Dreifaltigkeit zwischen Bergmnnstraße und Jüterboger Straße.
Foto: Gerd Engelsmann

Da es sich nicht um eine temporäre Maßnahme handelt, sondern letztendlich um eine „generelle Umwidmung in Wohnflächen“, regt der Rat an, „für den geplanten Neubau einen alternativen Standort zu finden.“ Auch auf Bezirksebene wurde das Vorhaben vom Denkmalbeauftragten abgelehnt.

Dennoch reicht die Kirche einen Bauantrag ein. Bis zum 31. Dezember muss er genehmigt sein, dann verliert der § 246 seine Wirkung. Doch die Entscheidung des Landesdenkmalamtes steht noch aus. Es scheint, als spielten die Denkmalschützer auf Zeit. Sie wissen: Eine Baugenehmigung ohne ihr Gutachten wäre ein Fauxpas. Denn es handelt sich schließlich um keine Kleinigkeit: Fünf Stockwerke hoch und mit 55 Metern Länge, Seitenflügeln von je 17 Metern und Freiflächen von 45 Metern würde der Bau in den Friedhof hineinragen.

Die Denkmalschützer sind nicht alleine. Vergangenen Mittwoch standen fünf Vertreter der Bürgerinitiative vor der Senatsverwaltung für Kultur und Europa, dem Sitz der Obersten Denkmalschutzbehörde. Wenn sich der Bezirk und die unteren Denkmalschutzbehörden nicht einigen, wird dort entschieden. Die Widerständler übergaben dem Staatssekretär Gerry Woop eine Kladde mit 3 800 Unterschriften.

Das Urteil über die Zukunft der Bergmannfriedhöfe wird noch in dieser Woche fallen.