Berlin - Viele Menschen meiden Friedhöfe, weil sie ihnen zu düster sind. Gerade während einer Pandemie erinnern sie an die Vergänglichkeit des Seins und zudem sind sie oft ziemlich grau. Ein Friedhof kann aber auch sehr bunt sein, zumindest der St. Johannis und Heiland-Friedhof in Wedding. In einer Kapelle hat Malerin Miriam Smidt ihr Atelier und feiert darin das Leben.

Dass die 37-Jährige hier farbenfrohe Aquarelle pinselt und Workshops für Actionpainting gibt, ist keineswegs selbstverständlich. „Mich hat der Tod zurück ins Leben geholt“, sagt sie. Sie hat eine fröhliche Ausstrahlung. Was sie meint, ist der Gehirntumor, der bei ihr gefunden wurde. Als sie 2016 die Diagnose erhielt, sagte sie sich: Wenn ich das überlebe, mache ich nicht mehr, was andere wollen. Nur noch, was ich will. Und das ist Malen, so bunt wie möglich.

Miriam Smidt wartet an einem wolkigen Wochentag vor ihrem Atelier zwischen Grabsteinen. Im Gespräch  erzählt sie dann, wie es dazu kam, dass sie hier malt, auf einem Friedhofsgelände, das bald dauerhaft geschlossen wird. Daher erlaubt man ihr im großen Backsteingebäude der Kapelle zu malen und als Mieterin hier Kurse zu geben, wenn auch wegen Corona nur für wenige Teilnehmer. In weißen Anzügen werfen sie die Farben förmlich auf die Leinwände.

Foto: Gerd Engelsmann
Mit Aussicht auf Grabsteine. Die farbenfrohen Bilder vom Miriam Smidt feiern das Leben, mitten auf einem Friedhof. 

Der Kontrast aus der Lebensfreude in den Bildern und ihrem Ursprung könnte kaum größer sein. „Ich war eigentlich schon immer krank“, sagt Miriam Smidt und meint nicht den Tumor. Die gebürtige Ostfriesin hatte schon in jungen Jahren schwere Unfälle und Operationen, wurde darüber depressiv und ließ sich von ihrem Umfeld in Bahnen schieben, in denen sie sich nicht wohlfühlte. Sie machte alles Mögliche, Sozialforschung in Schulen, Familien und Kasernen, arbeitete in einer Unternehmensberatung, bis ein Burnout sie außer Gefecht setzte.

Mit 33 dachte Miriam: Ich sterbe

In der Diagnostik fand man auch den Hirntumor. Miriam Smidt dachte: Ich sterbe, mit 33. Dabei hatte ihr Leben doch noch gar nicht angefangen. Irgendwie hatte sie immer auf der Wartebank gesessen und gedacht, da komme noch was. Dann kam das: OP, Chemo, Bestrahlung. Sie beschloss, nichts mehr vor sich herzuschieben. Noch während der Chemotherapie begann sie 2018 zu malen, ihr Jugendtraum.

Dabei sieht sie auf einem Auge kaum noch etwas. „Ich bin die blinde Künstlerin“, sagt sie und lacht. Durch Sehbehinderung sehe sie links fast nichts mehr, aber sie habe ja noch die andere Hälfte. „Besser als gar nichts“, sagt sie in einer Art pragmatischem Optimismus.

So auch, als sie 2019 mit einer Freundin auf dem Friedhof am Nordufer des Plötzensees spazieren ging und ihr auffiel, dass seit 18 Jahren hier nicht mehr bestattet wurde. Vielleicht haben die da ein Zimmerchen für mich frei, dachte die Künstlerin, die damals noch am Küchentisch malte. Den Platz hatte die evangelische Kirchengemeinde. Der Friedhof wird Ende 2021 geschlossen, was aus dem Gelände wird, ist noch unklar. Dadurch bietet das Areal nun viele Freiräume, auch für Kunst in der Kapelle.

Foto: Gerd Engelsmann
Bald geschlossen. Auf dem Friedhof in Wedding wird seit 2001 nicht mehr bestattet, daher bietet er Raum für Kunst, wie die Kapelle mit Miriam Smidts Atelier.

Auf 200 Quadratmetern malt sie nun, stellt Bilder aus und bringt Paaren wie Kleingruppen die Philosophie des Actionpaintings bei, was weniger mit Actionfilmen zu tun hat als mit Jackson Pollock, dem berühmten US-Maler. „Es geht um das Tun, ohne vorher zu überlegen“, erklärt sie. Eine Philosophie, die sie nicht nur in der Kunst anwendet. „Wir verwenden lebensfrohe Farben, es ist optimistische Kunst. Die Leute sagen mir nachher, es macht sie glücklich.“

Sie ist Risikogruppe, ihre Tochter geht zur Schule

Durch ihre Vorerkrankung ist sie Risikogruppe, hofft, irgendwann geimpft zu werden. „Ich hätte das Stöffchen schon sehr gerne“, sagt sie. Vor allem jetzt, wo ihre Tochter wieder zur Schule geht. Miriam Smidt hätte ruhig noch warten können mit den Öffnungen, jedes Heimkommen nach der Schule birgt ein Risiko. Da gelte es abzuwägen, auch was gut fürs Kind ist. Dennoch machen sie und ihr Mann sich nicht allzu viele Sorgen. „Schicksalsschläge geben auch Kraft, etwas zu bewegen“ sagt sie. Die meisten Menschen in ihrem Bekanntenkreis seien doch gut durch Corona gekommen. Sie selbst musste erst einmal alle Termine für 2020 absagen, aber so hatte sie eben selbst mehr Zeit zu malen. Die Bilder verkaufen sich gut.

Foto: Gerd Engelsmann
Besondere Würze des Endlichen. Miriam Smidt verarbeitet in ihrer Kunst auch ihre Erfahrungen aus der Krebstherapie.

Die Krankheit habe ihr in vielen Bereichen geholfen, sagt Miriam Smidt, und dennoch bleibt es hart. Ein Hirntumor wird nie ganz geheilt, jedes halbe Jahr muss sie zur Nachuntersuchung. Ihr ist jedes Mal ein bisschen mulmig, sie nennt es ihren „Lebensberechtigungsschein“ für die nächsten sechs Monate.

Anderseits hat sie gerade ein Proposal für einen Kunstpreis geschrieben, in dem sie erklärt, das Leben erhalte seine besondere Würze dadurch, dass es endlich sei. Dem verleihe sie in ihren Bildern Ausdruck. „Das Leben hat einen anderen Geschmack, wenn es endlich ist“, sagt sie. Es mache einem bewusst, was man jetzt schon habe und nutzen könne. In einer Zeitungskolumne las sie einmal, es sei gut, den Tod wieder zurück ins Leben zu holen. Das sei bei ihr definitiv der Fall gewesen. Und bei der Kapelle, die dank Miriam Smidt innen lebendiger leuchtet, als es viele Menschen einem Friedhof zutrauen würden.