Ganz Europa stöhnt im Juni 1976 unter einer Hitzewelle. Der schwedische König heiratet eine deutsche Bürgerliche. Terroristen entführen eine Air France-Maschine nach Entebbe. Der Todesfall, der in diesen Tagen in Charlottenburg registriert wird, erregt kein öffentliches Aufsehen.

Der 77-jährige Friedrich Eugen Maier ist schon im März in seiner Wohnung verstorben, verarmt und einsam. Seine Tochter, zu der er kaum Kontakt hielt, findet seine sterblichen Überreste am 23. Juni. Es wird ein kleines Begräbnis, die Kosten übernimmt das Sozialamt. Maiers Tochter verkauft den Nachlass, darunter auch ein Auto, Baujahr 1935, das Maiers größter Erfolg war, aber letztlich auch seinen Untergang bedeutete. Jetzt ist es ein Wrack.

Neuentdeckung im Jahr 2008

Sein eigentlicher Wert wird erst mehr als dreißig Jahre später wiederentdeckt. Im Jahr 2008 wird dem Kfz-Sachverständigen Jörg Jansen ein Auto zum Kauf angeboten, dass zwar schick lackiert, aber fahruntüchtig ist. Dennoch greift Jansen schnell zu. Der Wagen erinnert an einen VW-Käfer, ist aber keiner. Schnell findet Jansen heraus: Es ist ein Prototyp, der schon vor dem VW-Käfer existierte und technisches Finessen enthält, die erst viel später serienmäßig wurden. Jansen ist fasziniert, will nun unbedingt mehr über den Ingenieur erfahren, der ein Meister seines Fachs gewesen sein muss.

Doch das ist alles andere als einfach. Zu dem Wagen existieren keine Papiere, nur ein sogenanntes Typenschild, dem Baujahr, einige wenige technische Daten und der Name der Firma zu entnehmen ist, die ihn gebaut hat: Leichtbau Maier in Berlin. Jansen setzt sich ans Telefon und beginnt, alle Maiers anzurufen, die im Berliner Telefonbuch stehen. Doch so kommt er nicht weiter. Mehr Aufschluss gibt das Auto selbst.

Schloss Dyck wird zum Wendepunkt

Auf einer Oldtimer-Veranstaltung auf Schloss Dyck in Grevenbroich lernt Jörg Jansen den Holländer Herman van Oldeneel kennen, der sich mit historischen Autos auskennt. Aber auch er weiß nicht, wer diesen Prototypen gebaut hat. Doch van Oldeneel ist ein geduldiger Tüftler. Er probiert mehrere Anfang des 19. Jahrhunderts gebräuchliche Vornamen aus und recherchiert im Internet. Bei einem Patentamt in den USA hat er dann einen Treffer: Der gesuchte Autobauer heißt Friedrich Eugen Maier. Insgesamt sind auf den Namen 12 Patente registriert. Und erstmals hat Jansen jetzt auch eine Adresse: Maier lebte und arbeitete in der Sömmeringstraße 30 in Charlottenburg.

Die Patente, der Name, die Adresse, das ist lange Zeit alles, was Jörg Jansen herausfindet. Ende 2013 wendet er sich deshalb an die Berliner Zeitung. Unter der Überschrift „Wer kennt Friedrich Eugen Maier?“ erscheint im Dezember ein Artikel mit Fotos des Autos und allem, was bisher bekannt ist. Und er stößt tatsächlich auf Resonanz. Anfang dieses Jahres nimmt Jacqueline Tschorr Kontakt zu Jörg Jansen auf.

Tschorrs Tipps helfen bei der Suche

Sie ist Geschäftsführerin der Firma Hereditas, die auf die Ermittlung von Erben spezialisiert ist. Ihre Tipps führen ihn schließlich zum Beerdigungsinstitut, das Maier bestattete. Die Inhaberin steigt für Jansen ins Archiv und blättert ihre alten Unterlagen durch. Es bedarf noch einiger kleiner Umwege, dann hat er die Adresse von Maiers Tochter. Er schreibt ihr sofort einen Brief, kann kaum abwarten, bis sie antwortet.

Doch für sie sind die Erinnerungen an die Vergangenheit keine guten. Im Frühjahr ist sie bereit, Jörg Jansen die Lebensgeschichte ihres Vaters zu erzählen. Soweit sie sie selbst weiß, denn die Familie zerbrach nach dem Zweiten Weltkrieg. Schuld daran war auch der Prototyp.

Dabei hatte das Leben für Friedrich Egon Maier vielversprechend begonnen. Geboren im Jahr 1898 in Bayern war er mit 19 Jahren bereits ausgebildeter Pilot. Er studierte Maschinenbau und machte 1923 seinen Ingenieur in Karlsruhe. Danach arbeitet er für die Firma Junkers, geht nach Kolumbien, wo er der jüngste Flugwerftleiter seiner Zeit ist. Weitere Stationen sind Dessau, der Stammsitz der Junkers-Werke und Moskau-Fili. Sein Kontakt zu Firmengründer Hugo Junkers ist eng, Maiers Tochter sagt, dass er wie ein Ziehvater für ihn war.

300.000 Goldmark für den "Volkswagen"

1930 kehrt er nach Berlin zurück. Maier ist erfolgreich und kann andere für seine Ziele begeistern. 1933 zahlt ihm eine Münchner Firma 300.000 Goldmark für die Entwicklung eines „Volkswagens“. Ein Jahr später meldet er sein erstes Patent an. Es folgen weitere und der Bau seines Prototypen. Doch mit der Machtübernahme der Nazis beginnt sein Niedergang. Hugo Junkers ist nicht bereit, mit den Nazis zusammenzuarbeiten und wird schon 1933 enteignet. Er zieht sich nach Bayern zurück und stirbt zwei Jahre später.

Ist es die Nähe zu seinem ehemaligen Chef, die Maier ebenfalls kritisch gegen das Regime macht? Ob er gegen die Nationalsozialisten opponierte, weiß seine Tochter nicht. Jedenfalls belegen die Nationalsozialisten schon ab dem Jahr 1936 seine Werkstatt. Maier muss Wehrmachtswagen reparieren.

Wenigstens ein kurzes privates Glück ist ihm vergönnt. Um 1940 herum lernt er eine dänische Balletttänzerin kennen und lieben, 1943 wird seine Tochter geboren. Doch im Jahr darauf verlassen Mutter und Kind Berlin und fliehen vor den Bomben nach Dänemark. Maier bleibt und muss miterleben, wie seine Werkstatt zerstört wird, sämtliche Nebengebäude und viele seiner Entwürfe. Er harrt dennoch weiter aus. Bis die Russen kommen. Dass er nicht sofort erschossen wird, hat er seinen Russischkenntnissen zu verdanken, die er in Moskau erworben hat.

Er wird stattdessen gefangen genommen und soll nach Russland verschleppt werden. Noch einmal hat er Glück. Er kann fliehen und kehrt in die zerstörte Werkstatt zurück, die nun für ihn auf Jahrzehnte hinweg der Lebensmittelpunkt sein wird. 1947 kehren Frau und Tochter zurück, doch die Ehe scheitert schnell.

Wohnen in der Werkstatt

„Er war ein Fantast und ein Patriarch“, erinnert sich seine Tochter im Gespräch mit Jörg Jansen. Maier kämpft um seine Patente, aus denen nun andere ihren Nutzen ziehen. Finanziell kommt er nie mehr auf die Beine. Bis in die 50er Jahre hinein lebt die Familie in den Ruinen der Werkstatt. „Wir hatten nur einen geheizten Raum“, erinnert sich Maiers Tochter. Der Vater wird immer verbitterter. Immer wieder erzählt er davon, dass alle Not zu Ende sei, wenn er erst die Rechte auf seine Erfindungen durchgesetzt habe.

Doch dazu kommt es nie. Maiers Frau möchte wieder arbeiten, er ist trotz aller Geldnot strikt dagegen. Sie verlässt ihn. Maiers Tochter hat seit ihrem 13. Lebensjahr kaum noch Kontakt zum Vater. Maier wohnt zwischenzeitlich in den sogenannten Darwin-Garagen in der Quitzowstraße.

Ende der 50er Jahren zieht er an den Gierkeplatz in Charlottenburg, ein Hinterhof wird sein letztes Zuhause. Er bricht alle Kontakte ab. In seiner Werkstatt finden sich später sogar selbst gefertigte Bohrer, mit denen er seine Zähne behandelte. Der Prototyp steht in einem Kuhstall hinter dem Haupthaus. Seine Tochter sagt, er sei nie gerne Auto gefahren.