Berlin - Herr Liechtenstein, nennen Sie sich eigentlich Liechtenstein wegen des Künstlers Roy Lichtenstein?

Das könnte da mitschwingen, ich schreibe mich aber mit ie.

Bis zu Beginn des Jahrtausends haben Sie aber noch ein anderes Leben unter einem anderen Namen geführt – Hans-Holger Friedrich.

Also Hans-Holger Friedrich haben mich meine Eltern genannt. 2002 war ich in so einer Art Krise. Ich hatte einen Revue-Pavillon eingerichtet in Gedenken an die Schauspielerin und Sängerin Carmen Miranda im heutigen Haus der Berliner Festspiele. Da habe ich mich übernommen – zu viel Arbeit, zu viele Leute. Danach ging es irgendwie nicht weiter und irgendwann dachte ich: Leckt mich doch am Arsch – ich werde Popstar. Gleichzeitig habe ich etwas Morgenluft gewittert. Ich hatte einen Song aufgenommen namens „Schwarzer Mann“ und der hat sich ein bisschen wie ein Hit angefühlt. Ich dachte: Okay, das mache ich nun. Das war die Geburt von Friedrich Liechtenstein. Ich hab dann Platten gemacht und war der Host in der Pan Am Lounge.

Als was würden Sie sich denn heute bezeichnen?

Ich bin ein Flaneur und das meine ich auch recht ernst. Ich bin ein Spaziergänger an den unterschiedlichsten Orten.

Wie war ihr Leben denn, bevor Sie sich zu dieser Daseinsform entschlossen haben. Bevor Sie Mitte der 90er nach Berlin kamen?

Ich wurde 1956 in Stalinstadt, heute Eisenhüttenstadt geboren und habe in Berlin an der Hochschule für Schauspielkunst studiert von 1980 bis 1984. Ich bin gelernter Puppenspieler.

Wie muss man sich dieses Studium vorstellen?

Man hat eine Grundlagenausbildung wie ein Schauspieler auch. Dazu gehören Improvisation, Stimmtraining, Körpertraining, Akrobatik, Tanz. Im Osten hat sich das irgendwie cool angefühlt, zu sagen: Ich bin Puppenspieler. Man hatte damit so einen Extraplatz in der Gesellschaft. Unbeobachtet; man konnte damit auch gut verschlüsselte politische Botschaften transportieren. Sagen, was man wirklich dachte. Ich hab dem Puppentheater recht schnell kritisch gegenüber gestanden, aber dann kam ein Angebot von einem Freund aus der Sächsischen Schweiz, dort ein Festival zu gründen und ein Theater zu übernehmen. Das klang verlockend, in der DDR hat man ja auch immer so eine Art innere Emigration gesucht – Künstler zu sein auf dem Land, drei Kinder zu haben, ein bürgerliches Leben, das war verlockend für mich. Das Festival war auch ein Erfolg, da kamen einmal im Jahr 5000 Besucher auch aus dem Ausland. Das war toll. Ja, und dann kam ja die Wende.

Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

So wie alle – als unfassbar und grandios. Ich bin auch überhaupt nicht ostalgisch. Für mich war die Wende eine Explosion der Möglichkeiten. Die Welt wurde ja mit einem Mal viel größer.

Was haben Sie im Anschluss gemacht?

Ich sollte dann mit meinem Puppentheater direkt im Westen Berlins aufgetreten, da kam ich da hin und man sagte mir, ich solle auch noch den Einlass machen und den Anrufbeantworter abhören. Ein wenig schulmeisterlich wurde einem gezeigt, wie das so ist, wenn man im Westen von der Kunst leben will. Ich hatte dann aber wirklich einen guten Flow und konnte von Kleinkunstfestival zu Kleinkunstfestival reisen. Dann habe ich zwei Jahre in Hamburg gewohnt. Im Anschluss zog ich nach Berlin und so ging das weiter. Bis 2002 meine eigene Wende kam und Friedrich Liechtenstein auf den Plan trat.