Wer mit der S-Bahn zwischen Ostkreuz und Warschauer Straße unterwegs ist, fährt an einer nicht gerade attraktiven Gewerbelandschaft vorüber. Es gibt dort Autohäuser und -werkstätten, ein paar Industriebetriebe sowie viele Lagerhallen. Auch Brachflächen mit halb verfallenen Bahngebäuden. Zwei davon, an der Modersohnbrücke und am Markgrafendamm, sollen jetzt verkauft werden. Im Auftrag der Deutschen Bahn AG hat die Behörde Bundeseisenbahnvermögen (BEV) beide Grundstücke nebst Immobilien ausgeschrieben. Bis zum 15. Dezember können sich Interessenten melden. Wer den höchsten Preis bietet, bekommt den Zuschlag.

„Wir sind als Bundesbehörde gehalten, auf den Preis zu achten und nicht auf das Konzept“, sagte ein BEV-Sprecher der Berliner Zeitung. Doch gerade dieses Höchstpreis-Verfahren könnte die Planungen des Landes Berlin durcheinander bringen. Ähnlich wie es auch beim Dragoner-Areal in Kreuzberg war, wo die bundeseigene Immobiliengesellschaft Bima ein Geschäft mit einem Investor abschloss, der dort Luxuswohnungen plante. Auf Drängen Berlins, das eher an Sozialwohnungen interessiert ist, soll dieser Deal nun rückgängig gemacht werden.

Wächst die Partymeile?

Auch bei den jetzt angebotenen Grundstücken in Friedrichshain gibt es viele Begehrlichkeiten. Da sind die Clubbetreiber, die auf dem benachbarten RAW-Gelände viel Geld verdienen. Einige hoffen auf eine Expansion nach Osten: auf das 1300 Quadratmeter große Gelände an der Modersohnbrücke, für das der Kaufpreis mit 177.000 Euro angegeben ist. Auf dem Gelände gibt es einen zweigeschossigen Backsteinbau, der einst als Wohnhaus für Eisenbahner diente. Auch direkt am Ostkreuz, auf gut 400 Quadratmetern für 65.000 Euro, unmittelbar neben dem Pfeiler für die neue Südkurve der S-Bahn am Markgrafendamm, steht ein altes Haus. Es war früher ein Beamtenwohnhaus. Beide Gebäude sind Baudenkmäler, aber total marode.

Der SPD-Abgeordnete Sven Heinemann hielte es für kontraproduktiv, wenn sich die Partymeile weiter nach Osten ausdehnen würde. „Das verträgt der Kiez nicht“, sagte er. Auch im Bezirksamt sieht man eine solche mögliche Entwicklung mit Sorge. Es gab im Rathaus bereits Gespräche mit Kaufinteressenten. Einer wollte auf den ehemaligen Bahnflächen sogar ein großes Hotel bauen. Laut Baustadtrat Hans Panhoff (Grüne) ist das als planungsrechtlich unzulässig abgewiesen worden. „Wir haben es dort mit einem reinen Gewerbe- und Industriegebiet zu tun“ sagte er.

Angebote für eine gewerbliche Nutzung gibt es auch: Die Berliner Stadtreinigung BSR beteiligt sich an der Ausschreibung. Sprecherin Sabine Thümler sagte, man plane dort zunächst eine Erweiterung des Betriebshofs Mühlenstraße. „Dieser Hof, eines unserer fünf Regionalzentren in Berlin, platzt aus allen Nähten, weil im dortigen Umfeld die Straßen mit den höchsten Reinigungsklassen sind und wir besonders viele Fahrzeuge dort haben.“ Langfristig könne man sich sogar vorstellen, den Betriebshof Mühlenstraße zugunsten von Wohnungsbau völlig aufzugeben und komplett aufs ehemalige Bahngelände zu verlagern.

Ob die BSR aber zum Zuge kommt, ist ungewiss. Die Frage lautet, ob das landeseigene Unternehmen im Wettstreit mit Privatinvestoren mithalten kann. SPD-Mann Heinemann sagt: „Ein Verkauf zum Höchstpreis, ohne aufs Konzept zu achten, ist hochproblematisch.“