Berlin - Der Maler Ali Görmez ist kein Angeber. Allerdings würde man gut verstehen können, wenn er einer wäre. Die Staffeleien von Görmez stehen nämlich in der 12. Etage des spektakulären weißen Neubaus Living Levels an der East Side Gallery. Der Pop-Art-Künstler hat einen der schönsten Arbeitsplätze von Berlin. Dieser atemberaubende Blick auf die Stadt würde bei weniger auf ihr Tun fokussierten Menschen bestens als Ablenkung funktionieren.

Görmez erinnert sich an seine ersten Tage mit dieser Aussicht: „Anfangs habe ich viel aus dem Fenster geschaut. Dann kam die kreative Phase, in der ich mich nur noch auf die Werke konzentriert habe.“ Wer zum ersten Mal hier oben steht, der kann es kaum begreifen, wie man in so einer Umgebung irgendetwas anderes machen kann als glücklich grinsend aus dem Fenster zu starren.

Die meisten Etagen sind schon bewohnt. Die Musterwohnung in der 11. Etage steht für acht Millionen Euro fertig möbliert zum Verkauf. 330 Quadratmeter für den Besitzer und knapp 92 fürs Personal. Plus zwei Terrassen. Ende August muss Ali Görmez sein aktuelles Atelier verlassen. Die 12. und die 14. Etage (aus Gründen des Aberglaubens gibt es keine 13.) sollen nun auch verkauft werden. Und eine Wohnung mit Maler würde einen deutlich niedrigeren Preis erzielen. Eine knapp 56 Quadratmeter große Wohnung soll hier im Rohbau 700.000 Euro kosten. Dazu kommt der Preis für den Ausbau. Ali Görmez gibt zu: „Ich würde gern hier bleiben.“

In dem Jahr als Ateliergast hat er sich an das Haus gewöhnt. Anfangs malte er im Foyer sein mit 42 Quadratmetern bisher größtes Bild. Direkt auf die Wand. „Ich hoffe, das hält ewig.“ Auf jeder Etage hängen auf den Fluren Bilder von Görmez. „Einige der Wohnungseigentümer haben schon Kunst von mir gekauft.“

Ende August wird Görmez sich vom Living Levels verabschieden und zurück nach Charlottenburg ziehen. Dort fing vor sechs Jahren sein Leben als Maler in einem 13 Quadratmeter kleinen Atelier an. Er sagt: „Im Souterrain.“ In seinem ersten Leben war Ali Görmez Investmentbanker.

Im ersten Leben Banker

Die Eltern hatten sich gewünscht, dass der Junge einen richtigen Beruf lernt. „Ich war todunglücklich und habe das nur getan, damit die Familie zufrieden ist.“ In seiner Freizeit widmete er sich immer intensiver der Malerei. „Ich habe Ausstellungen gemacht und mir Feedback von Außen geholt.“ Unausgesprochen existierte der Wunsch, sein Leben grundlegend zu ändern und Maler zu werden, schon damals. „Dann bin ich krank geworden und habe gedacht: Das ist ein Zeichen.“

Eine Ermutigung ließ nicht lange auf sich warten. „Ein Unternehmer kaufte das erste Bild für 690 Euro.“ Zu den schönsten Stunden im Leben des Malers Ali Görmez gehört es, wenn er Grundschüler in ihren Schulen besucht und mit ihnen gemeinsam malt. „Plötzlich stehen sie vor einem Künstler, der im Gegensatz zu denen, über die sie was im Unterricht gehört haben, noch lebt.“

Wenn er Schulklassen ins Atelier in der 12. Etage an der East Side Gallery einlud, waren die erst mal baff. Und vermuteten, dass er ziemlich reich sein muss: „Denen habe ich dann zunächst erklärt, dass ich von der Living Bauhaus Kunststiftung gefördert werde und mir ohne diese Unterstützung so ein Atelier nicht leisten könnte.“ Der Arbeit mit den Schülern würde Görmez gern mehr Raum in seinem Kalender einräumen: „Anfangs habe ich das ehrenamtlich gemacht. Inzwischen werde ich gebucht. Aber ich bin mit meinen Preisen sehr zurückhaltend.“

„Einmal Berlin, immer Berlin!“

Ali Görmez wurde im Juni 1980 in Bielefeld geboren und wuchs in der Tabakstadt Bünde auf. Seit 2009 ist er Berliner und lässt in dieser Sache auch nicht mit sich verhandeln: „Einmal Berlin, immer Berlin! Ich gehe hier nicht mehr weg. Ich kann ja meine Familie in Bielefeld und Umgebung besuchen. Manchmal brauche ich das auch.“ Schon immer hat er so farbenfroh gemalt, wie heute. „Ich möchte dem Betrachter ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Damit es ihm wenigstens für den Moment gut geht.“