Berlin - Jeder Zehnte der über 65-Jährigen in Friedrichshain-Kreuzberg ist auf Grundsicherung angewiesen, berlinweit ist es nur jeder Zwanzigste. Der hohe Anteil im Bezirk hängt vor allem mit den besonders von Altersarmut betroffenen Migranten zusammen, von denen überdurchschnittlich viele in Kreuzberg leben. Doch ihre Armut bleibt im Verborgenen. "Man merkt das den Menschen nicht an, dass sie arm sind. Sie reden nicht darüber", sagt eine Frau, die in der Sankt-Bonifatius-Kirche an der Yorckstraße Second-Hand-Kleidung verkauft. Auch die Patientenbeauftragte des Senats, Karin Stötzner, hat beobachtet, "dass bei vielen älteren und chronisch Kranken das Geld für die Medikamente offenbar nicht da ist. Doch das verheimlichen einige."
Arme Menschen würden sich häufig schämen, dass sie in diese Notlage geraten seien, berichtet der Sozialstadtrat des Bezirks, Knut Mildner-Spindler (Linke). Vor allem alleinstehende Männer nichtdeutscher Herkunft würden sich von der Außenwelt zurückziehen und den Kontakt zu Nachbarn meiden.

Migranten überproportional betroffen

Dass Migranten überproportional von Altersarmut betroffen sind, liegt daran, dass sie auch in jüngeren Jahren nur wenig Geld hatten. "Die Männer, die heute im Rentenalter sind, hatten schlecht bezahlte Jobs. Und die Frauen haben oft gar nicht gearbeitet", sagt Mildner-Spindler. Dies betreffe auch viele deutsche Frauen in Kreuzberg, die nach dem Tod des Mannes verarmen würden.

Die Situation in Friedrichshain stellt sich etwas besser dar als in Kreuzberg. Denn obwohl die Renten im Ostteil niedriger sind, gibt es weniger Menschen, die als arm gelten. Der Grund: "Die Ostdeutschen haben eine längere Berufsbiographie. Insbesondere die Frauen haben länger gearbeitet", sagt der Sozialstadtrat. Gleichwohl macht ihm die Zukunft in beiden Stadtteilen Sorgen. "Bei den heute 55-jährigen Langzeitarbeitslosen ist das Risiko relativ hoch, dass sie später auf Grundsicherung angewiesen sein werden. Sie haben längere Zeit keine Rentenversicherung bezahlt", sagt Mildner-Spindler.

So bedrückend Armut auch ist, Freunde können das Leben erleichtern. Es gibt Seniorenbegegnungsstätten des Bezirks, wo sich die Besucher austauschen und für 20, 30 Cent einen Kaffee trinken können. Und in Kreuzberg schickt das Quartiersmanagement am Wassertorplatz Kiezlotsen zu älteren Menschen, um sie an solche Angebote heranzuführen. Die Kiezlotsen werden über den Öffentlichen Beschäftigungssektor finanziert, den die CDU am liebsten abschaffen würde.