Dass in Friedrichshain-Kreuzberg eine politische Allergie gegen Hochhäuser besteht, ist nicht erst seit dem erfolgreichen Bürgerentscheid zur Mediaspree vor sieben Jahren bekannt. Jedes Bauprojekt am Spreeufer, das höher als 22 Meter sein soll, wird von den Fraktionen im Bezirksparlament, das letztlich über die Realisierung entscheiden muss, argwöhnisch beäugt. Hoch hinaus bauen bedeutet dort für viele das Durchsetzen von Profitinteressen – was im Szenebezirk gar nicht gut ankommt.

Da verwundert es umso mehr, dass zwei ähnliche Projekte ganz unterschiedlich bewertet werden, wie im Stadtentwicklungsausschuss am Mittwochabend deutlich wurde. Dort stellten zwei Investoren ihre Planungen vor. Beide wollen an der Spree bauen, beide planen Hochhäuser, beide besitzen Baurecht. Der eine Investor ist die Hilpert AG aus Würzburg, die am Stralauer Platz 35 bauen will. Wo bis voriges Jahr noch Partys im Yaam gefeiert wurden, soll unter anderem ein 12-Geschosser für Wohnungen entstehen. 36 Meter hoch, an der Spree gelegen, die Mietpreise von 9 bis 13 Euro netto kalt gelten als moderat.

Was folgte, war ein Aufschrei im Ausschuss. Ein Hochhaus am Spreeufer, das gehe ja gar nicht, hieß es. Vor allem die Piraten verkündeten unverhohlen, dass man den Investor weg haben wolle. Das Instrument: Ein Bebauungsplan soll erstellt werden, was erstens lange dauert und in dem zweitens der Bezirk dem Projekt eine Abfuhr erteilen soll. Alle Fraktionen außer der CDU stimmten dem Antrag zu.

Ganz anders war die Reaktion derselben Bezirksverordneten auf die Präsentation eines weiteren Hochhaus-Projekts, das nur ein paar hundert Meter weiter westlich geplant ist. An der Michaelbrücke, zwischen Bahntrasse und Holzmarktstraße, wollen die Macher des am Spreeufer geplanten Kreativ-Dorfes Holzmarkt gleich fünf Hochhäuser errichten, die sogar bis zu 44 Meter hoch sind. Ein Gründerzentrum namens Eckwerk soll dort entstehen, mit Büros und Werkstätten für Wissenschaftler, aber auch mit Wohnungen für Studenten und Kreative. Für die auf engstem Raum geplanten fünf Hochhäuser gab es am Mittwochabend keine Kritik.

Pirat Ralf Gerlich räumt ein, dass der Eindruck, hier werde mit unterschiedlichem Maß gemessen, nicht von der Hand zu weisen sei: „Aber das Projekt Holzmarkt mit Künstlerdorf, Club und Mörchenpark ist etwas anderes als Nullachtfünfzehn-Investment.“ Und: Weil im Dorf am Spreeufer nur Hütten entstünden, dürfe das Gründerzentrum ruhig höher werden. Vielleicht liegt die Zustimmung ja auch daran, dass die landeseigene Gewobag das Wohnprojekt finanzieren will.

Zum „bösen“ Hochhaus am Stralauer Platz hat der Grünen-Baustadtrat Hans Panhoff übrigens eine ganz andere Meinung: Er sei überzeugt, dass eine Verdichtung mit Hochhäusern dort verträglich und gut sei. Auch seine Parteifreunde blickten daraufhin grimmig drein.