Berlin - Lautes Geschrei, üble Pöbeleien und trunkene Gesänge: Eine Reihe von Straßenzügen in Friedrichshain und Kreuzberg sind nachts zu erweiterten Partyzonen für Kneipen- oder Clubbesuchern geworden. Gerade die jüngeren der rund zwölf Millionen Hauptstadtgäste zieht es in die Szenekieze rund um die Simon-Dach- oder die Wrangelstraße. Die genervten Anwohner, die kaum in den Schlaf finden, sollen jetzt Hilfe bekommen: Von diesem Wochenende an sind in Kneipenhochburgen des Bezirks Pantomimen im Einsatz. Gemeinsam mit Mediatoren sollen sie im Rahmen eines Pilotprojekts bis Ende Juli Störenfriede unter den Touristen besänftigen und so für mehr Ruhe sorgen.

„Wir glauben, dass der Mensch grundsätzlich vernünftig ist, dies aber in bestimmten Momenten vergisst“, sagt Lutz Leichsenring von der Club Commission. Der Dachverband der Berliner Clubs ist einer von vier Akteuren, die das Pilotprojekt initiiert und finanziert haben. Mit dabei ist auch der Gaststättenverband Dehoga, Berlins Tourismuswerber VisitBerlin und das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg. Die gemeinsame Aktion soll zeigen, dass man in Berlin Touristen sehr wohl mag. Leichsenring: „Wir wollen aber die Touristen sensibilisieren für die Belange der Leute, die über den Kneipen und Clubs wohnen.“ Den Anwohnern soll signalisiert werden, dass man ihren Wunsch nach Ruhe respektiere.

Charmante Patrouille

Die Idee mit den Pantomimen hatte die Club Commission. „Pantomimen ins Getümmel zu schicken ist wesentlich charmanter als uniformierte Mitarbeiter des Ordnungsamtes“, sagt Leichsenring. Ähnliche Versuche gab es auch in Paris, Barcelona und Brüssel.

Wie man mit Touristen umgehen soll, war in den vergangenen Jahren immer wieder Thema im Bezirk. An der Admiralbrücke, auf der nächtens Hunderte Menschen feiern, sorgt allabendlich die Polizei für den „Zapfenstreich“. Bürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) forderte zuletzt einen Verhaltenskodex für Gäste. Gastronomen, die vom Besucherzustrom gut leben, lehnten ab. Es wurde über Gummi-beschichtete Rollkoffer gespottet, Kreuzberg als Spießerkiez verlacht. Schließlich setzten sich Gaststättenverband und Tourismusverantwortliche mit Bezirk und Clubbetreibern an einen Tisch. Letztlich, so hieß es, komme eine Befriedung allen zugute. Denn, so die Erkenntnis: Wenn Anwohner wegziehen, verlieren die Kieze auch für Touristen an Reiz.

Unterwegs von 22 bis 2 Uhr

Die Club Commission hat in den vergangenen Wochen Bewerber für die schweigsame Straßenpatrouille gecastet. Gut 20 Pantomimen, Schauspielstudenten sowie gestandene Künstler, wurden ausgewählt. Sie erhalten Kostüme, die die Lässigkeit Berlins betonen sollen, heißt es. Optischer Blickfang sollen Leuchtdioden am Kostüm sein.

Jeweils von 22 Uhr bis 2 Uhr nachts sind zwei Künstler und zwei Mediatoren unterwegs. „Wo genau, ergibt sich aus der aktuellen Problemlage“, sagt Lutz Leichsenring. Das heißt, die Teams werden dorthin geschickt, wo es besonders laut ist. Was sie dort genau tun? Das soll eine Überraschung sein. Man könnte sich aber vorstellen, dass mit Handkuss, aber zugleich strengem Gesichtsausdruck reagiert wird, wenn jemand Bierflaschen auf der Straße zerschlägt. Von Vorteil dürfte sein, dass es keine Sprachbarriere gibt, dass einfach, schnell und auf humorvolle Weise agiert werden kann.

Die Pantomimen sind für die Club Commission nur ein Teil von Maßnahmen für einen stadtverträglichen Tourismus. Unter www.kiez-toolbox hat die Commission weitere Vorschläge für ihre Mitglieder aufgeführt. Sie reichen vom Spezial-Fassadenlack gegen Wildpinkler, bei dem der Urinstrahl von der Wand zurück zum Verursacher prallt, bis zu Schallschutzvorhängen. Berlin, sagt Lutz Leichsenring, werde sich aber nicht in einen spaßbefreiten Friedhof verwandeln: „Es muss jedoch allen klar werden, dass niemand andere beeinträchtigen darf.“