Berlin - Erst wurde der steinerne Engel vom Grab ihres Mannes gestohlen, dann der Narzissenstrauch aus der Erde gerissen. Andere Hinterbliebene, die regelmäßig auf den Friedhof Georgen Parochial IV an der Boxhagener Straße in Friedrichshain kommen, erzählten Annemieke Hendriks von ähnlichen und noch schlimmeren Erfahrungen. So sei eine alte Frau beraubt worden und traue sich nun nicht mehr ans Familiengrab, sagt Hendriks. Auch Partys und Trinkgelage seien eine Zumutung.

Aktion am Tor

Viele Hinterbliebene hätten resigniert, sagt die 60-jährige Niederländerin. Sie werde sich aber nicht damit abfinden. Die Journalistin, deren Mann, der niederländische Publizist Antoine Verbij, im Oktober 2015 verstarb, hat sich mehrfach an die Friedhofsverwaltung gewandt, Politiker mobilisiert und eine Anfrage in der Bezirksverordnetenversammlung lanciert. Für Samstag, zur Walpurgisnacht, plant sie nun eine symbolische Aktion: Sie will den Friedhof demonstrativ abschließen – mit einem holländischen Bügelschloss, wie es Antoine Verbij bei Fahrradfahrten durch Berlin stets benutzte.

„Fünf bis 30 Leute“ erwartet Hendriks zu ihrer Aktion. Sie will damit ihre wichtigste Forderung unterstreichen: dass die Friedhofstore abends immer verschlossen werden. Laut Schild am Eingang sollte das auch so sein. Doch das sei schon lange nicht mehr der Fall, weil einer Wachschutzfirma gekündigt wurde, sagt die Journalistin.

Wenn Hendriks erzählt, wirkt sie sehr empört, zugleich ist die tiefe Trauer um ihren Mann zu spüren. Sie will, dass sein Grab ein Ort ist, an dem sie ihren Seelenfrieden finden kann, sagt sie. Aber das sei nicht möglich. Grabschändung und Störung der Totenruhe – das seien doch Straftaten. „Warum wird dagegen nichts unternommen?“ Auf die Friedhofsverwaltung ist sie nicht gut zu sprechen. Diese sei fast nie erreichbar, bürokratisch und behandele sie wie einen Störenfried.

Tatsächlich schätzt die Friedhofsverwaltung die Lage keineswegs so dramatisch ein wie Annemieke Hendriks. Der Friedhof sei bisher nicht besonders negativ aufgefallen, weder durch Vandalismus noch durch Diebstahl, sagt Olaf Bartenstein, der Verwalter vom Evangelischen Friedhofsverband. Er sei auch kein Grufti-Treffpunkt oder Partyort. Dafür, dass er mitten in einem Problem- und Szenekiez liegt, sei er unauffällig. Auch bei der Polizei ist der Friedhof nicht als problematischer Ort bekannt. Seit Juni 2015 gab es genau sechs Anzeigen, davon drei wegen Graffiti. Gewalt-oder Raubtaten sind nicht darunter.

Grabschmuck und Blumen werden häufig geklaut

Unbestritten ist aber, dass Berlins Friedhöfe keine heile Welt darstellen. Diebstahl ist generell ein Problem. Nicht nur Blumen, auch anderer Grabschmuck, vor allem aus Metall, wird geklaut. Oft schlafen Obdachlose in den Anlagen, was manche Besucher stört.

Bartenstein sagt, es sei schwierig, Blumendiebstahl zu verhindern. Die Friedhöfe als grüne Oasen in der Stadt sollten ja allen Berlinern offenstehen. Außerdem habe man für den Friedhof an der Boxhagener Straße mittlerweile Angebote für einen neuen Wachschutz eingeholt. Die Auftragsvergabe sei nur noch nicht abgeschlossen.

„Wir teilen Frau Hendriks Befürchtungen nicht, aber wir wollen sie ernst nehmen“, sagt Bartenstein. Daher habe man die Witwe nun zum Gespräch eingeladen. An diesem Wochenende – mit Walpurgisnacht und 1. Mai – werde die Verwaltung den Friedhof auch abends abschließen.

Annemieke Hendriks freut sich darüber. „Dann hätte ich ja schon was erreicht“, sagt sie. Ihre Aktion soll aber am Sonnabend dennoch stattfinden – inklusive holländischem Bügelschloss.