Als im Herbst 1985 der legendäre alte Friedrichstadtpalast abgerissen wurde, kletterte ein Herr aus West-Berlin über die Schutthaufen: der Architekt Helmut Maier, ein Kenner historischer Gebäude und Liebhaber von Gusseisen: „Diese spezielle Berliner Kunst ist meine Leidenschaft“, sagt er.

Seit Dienstag steht die Säule neben dem Friedrichstadt-Palast 

Dieser Leidenschaft ist zu verdanken, dass ein gusseisernes Element der ursprünglichen Fassade des Gebäudes dem Eisenhüttenstädter Schmelzofen entging: eine dreiteilige Stützkonstruktion von der Ostseite des 1864 als imposanter und zugleich filigran anmutender Eisen-Glas-Bau errichteten ersten Berliner Markthalle des Architekten Hitzig – ein Bauwerk, seinerzeit das Modernste vom Modernen.

Seit Dienstag steht das großartige Original – sechs Meter lang, vier Meter hoch– auf noblem Sockel neben dem neuen Friedrichstadt-Palast; kommende Woche wird gefeiert.

Helmut Maier wollte die Säule aus Gusseisen retten

Wie aber ist Helmut Maier der Geniestreich gelungen, das unhandliche Gestell von der Abrissstelle Am Zirkus im Osten in seinen Kreuzberger Hinterhof zu holen? Seine unerhörte Geschichte hört sich recht entspannt an:

„Alle haben gesehen, dass der Friedrichstadt-Palast abgerissen wurde. Auch dass die über Jahrzehnte für die Nutzung des Gebäudes als Zirkus und Theater zugemauerten Gusseisenstützen des Ursprungsbaus wieder zum Vorschein kamen, haben alle gesehen, aber niemand hatte den Impuls, das Gusseisen zu retten.“ Helmut Maier hatte ihn, hat sich auf der Baustelle rumgetrieben und bei den Arbeitern rumgehorcht. Die haben ihn zu Erhardt Gießke geschickt, Generalbaudirektor der DDR – die allererste Adresse. Er ist einfach hingegangen.

Und da hat man ihn vorgelassen? Dem Pförtner hat er erzählt, er hätte einen Termin, „und dann habe ich einen halben Tag vor der Tür der Sekretärin gewartet, bis die so genervt war, dass sie mich reinließ“.

Helmut Maier wollte ein Stück Friedrichstadt-Palast 

Eberhardt Gießke hat dem Überraschungsgast aus dem Westen zugehört: „Ich habe ihm gesagt, ich bin ein Sammler und hätte gern ein Stück Friedrichstadt-Palast“, und der DDR-Oberarchitekt erzählte ihm, man überlege, ein paar Teile, auch Stuckelemente aus der berühmten Tropfsteinhöhle der Innengestaltung von Hans Poelzig für den geplanten Wiederaufbau des Wintergartens am originalen Standort in der Friedrichstraße zu verwenden.

Das Gespräch ging gut aus: Maier bekam einen Zettel mit einer Kontonummer, an die er knapp tausend Westmark zu überweisen hatte – Adressat VEB Kunst- und Antiquitätenhandel, ein Teil des DDR-Devisenbeschaffungssystems des Alexander Schalck-Golodkowski.

Auf der Baustelle hatte er sich unterdessen ein Teil ausgesucht, das transportierbar war und in seinen Kreuzberger Hof passte.

Zum 100. Geburtstag des Friedrichstadt-Palastes kommt die Säule in die Öffentlichkeit 

Mit seiner Einzahlquittung ging Maier zum Bauleiter Jürgen Ledderboge, der wusste schon Bescheid. Das war am 9. Oktober 1985. Man schätzte das Gewicht und legte fest, wann der Abtransport in den Bauablauf passte. Am 11. Dezember rollte Helmut Maier mit zwei Monteuren und Kranwagen an. Daheim in der Stresemannstraße hob ein Riesenkran die Teile in den Hof. Mit Rostschutz versehen stand das gusseiserne Fassadenteil fortan an der Mauer auf einem Sockel, malerisch von Efeu umrankt und von Besuchern bewundert.

Vor fast zwei Jahren fiel der Entschluss, es zum 100. Geburtstag des Friedrichstadtpalastes in die Öffentlichkeit zu bringen. Es wurde restauriert und denkmalgerecht gestrichen. Helmut Maier hat sich gern getrennt: „Mir ging es ja nie um den Besitz, sondern um die Rettung.“

Die anderen Eisenteile landeten in der Eisenhüttenstädter Schmelze.