Anfang Oktober 2019 war die Friedrichstraße ein Wochenende lang autofrei.
Foto: imago images/A. Friedrichs

BerlinNur wenige Wochen noch, dann soll ein Teil der Friedrichstraße in Mitte für Kraftfahrzeuge gesperrt werden. „Bei der autofreien Friedrichstraße sind wir in der Endabstimmung zum Starttermin, der im Sommer noch vor dem Ende der Ferien liegen soll“, sagte Jan Thomsen, Sprecher von Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne). Intern ist als spätester Termin von Anfang August die Rede, es könnte aber auch früher losgehen. Doch die Planer des Verkehrsversuchs müssen sich auf Gegenwind einrichten. Es könnte sein, dass Anrainer auf rechtlichem Wege gegen die Anordnung vorgehen werden, kündigte Conrad Rausch vom Verein „Die Mitte“ an. „Wir prüfen in alle Richtungen“ – Widerspruch und Klage nicht ausgeschlossen.

Ursprünglich sollte der Modellversuch auf der Einkaufsmeile Anfang Juni beginnen. „Insbesondere aufgrund der Corona-Pandemie haben sich aber Verzögerungen der Planung und neuer Beratungsbedarf zur Straßenraumgestaltung und zum Ablauf ergeben“, so Thomsen.  

Friedrichstraße fünf Monate autofrei

Statt von einem halben Jahr wie bisher wird inzwischen von fünf Monaten Dauer gesprochen. Am grundsätzlichen Design habe sich nichts geändert, bekräftigte der Sprecher. „Es bleibt beim Projekt eines autofreien Abschnitts zwischen Leipziger Straße und Französischer Straße mit einem verkehrsberuhigten Bereich am Checkpoint Charlie“, unterstrich Thomsen.

Auf dem autofreien Teilstück sollen Fußgänger auch auf der Fahrbahn laufen dürfen. Dann müssen sie sich nicht mehr auf den schmalen Gehwegen drängen. Die Bereiche für Passanten werden von 4,50 auf rund 8,50 Meter verbreitert. In der Straßenmitte wird eine fünf Meter breite „Safety Lane“ markiert. Sie soll dem Radverkehr dienen, in Notfällen können dort Einsatzfahrzeuge fahren. Damit die Geschäfte weiter beliefert werden können, sollen an den Einmündungen der Querstraßen Logistikzonen entstehen.  

Im Wesentlichen folgen die Senatsplaner Vorschlägen des Bündnisses „Stadt für Menschen“ und von Changing Cities, die aus der Friedrichstraße eine „Straße der Zukunft“ machen wollen. In der „Flaniermitte“ sollen kein Lärm und keine Abgase mehr beim Bummeln stören. Von der Verkehrsberuhigung würden auch die Einzelhändler profitieren, die seit langem beklagen, dass Kaufpublikum zunehmend ausbleibt. Erste kurzzeitige Sperrungen im Dezember 2018 und im Oktober 2019 hätten positive Ergebnisse gebracht.

„Über die Umsetzung werden Senatsverwaltung und Bezirk mit den Beteiligten sprechen. Dabei soll zusammen mit anliegenden Gewerbetreibenden und Immobilienbesitzern geprüft werden, welche ergänzenden Maßnahmen die wirtschaftliche Situation der Anrainer verbessern kann“, ergänzt Jan Thomsen.

Doch viele Mitglieder des Vereins „Die Mitte“, in dem sich rund 170 Akteure aus den Bereichen Einzelhandel, Immobilien, Kultur, Dienstleistungen, Hotellerie und Gastronomie engagieren, sind verschnupft. Sie fühlen sich von den Protagonisten des Projekts in der Senatsverwaltung und im Bezirksamt Mitte überrumpelt. „Ideologische Verkehrspolitik will die erfolgreiche Zukunft der Friedrichstraße verhindern“, überschrieb „Die Mitte“ eine Erklärung.

Verband befürchtet Verlust von Arbeitsplätzen

„Trotz nicht vorhersehbarer erdbebenartiger wirtschaftlicher Folgen der Corona-Krise ist es zwar kaum zu glauben, aber die Senatsverkehrsverwaltung setzt den ideologischen Weg unbeirrt fort. Komplett ohne valides Datenmaterial aus den temporären Kurzsperrungen der Friedrichstraße, soll durch den Alleingang des Senats die Zukunft der Straße wie folgt aussehen: Verlust von Arbeitsplätzen, Geschäftsaufgaben und Stillstand“, so der Verband. Guido Herrmann, Vorsitzender des Vereins, sprach von einer „politischen Ideologie“, der Senat und Bezirk folgen würden.

Ursprünglich hieß es, dass zunächst mit einer Potenzialanalyse untersucht werden sollte, wo die Probleme liegen und wie sie sich beheben ließen. Bei einem Treffen im Friedrichstadt-Palast Anfang März sollte die Untersuchung angestoßen werden, aber dazu kam es bisher nicht. Dabei liege das Geld bereit. „Wenn man am Ende des Prozesses zu dem Schluss kommt, dass es richtig wäre, einen Teil der Friedrichstraße zu sperren, soll es so sein“, kommentiert Rausch. „Doch so, wie es bislang gelaufen ist, kann man das Ganze nur eine Farce nennen.“ Nun würden „alle Wege“ geprüft, wie auf die geplante Sperrung reagiert werden könnte. Der Verein dürfe zwar nicht klagen, betroffene Mitglieder schon.

„Nicht abgestimmte Teilsperrungen bedeutender Einkaufsstraßen sind das letzte, was Berlin jetzt braucht“, sagten Oliver Friederici und Christian Gräff (CDU). „Senat und Bezirke gefährden damit in der Friedrichstraße weitere Existenzen und viele Arbeitsplätze.“