Berlin - Wäre Ralf-Peter Hayen ein wenig schneller gegangen, dann wäre er nun schwer verletzt oder tot. Der 57-Jährige aus Falkensee war am Donnerstag auf dem Weg zur Arbeit und lief durch die Halle des Bahnhofs Friedrichstraße, als zehn Meter vor ihm ein Betonstück durch die Decke stürzte und auf dem Boden aufschlug.

Auch eine Passantin hatte großes Glück. Sie wurde von dem Brocken, der neben der Treppe zu den Gleisen 3 und 4 herabstürzte, um etwa zwei Meter verfehlt. Die Frau erlitt einen Schock, berichtete die Feuerwehr. „Wir gehen davon aus, dass Baumängel die Ursache sind“, sagte Bahnsprecher Burkhard Ahlert.

Weitere Schäden entdeckt

„Berlin ist die Stadt der Wunder“, sagte ein Polizist. Er meinte damit: Es hätte viel schlimmer ausgehen können. Denn der Bahnhof ist ein wichtiger Knotenpunkt, in dessen Halle sich zu allen Tageszeiten Menschen drängen, laut Bahn rund 190.000 pro Tag. Die Station ist auch ein Einkaufszentrum, die Ladenflächen umfassen 4500 Quadratmeter. Die Absturzstelle liegt vor einem Souvenir- und einem Blumengeschäft, nur wenige Meter von den Fahrkartenschaltern entfernt.

„Gegen 10.45 Uhr ist es passiert“, berichtete Bahnsprecher Ahlert. Aus dem brückenartigen Trog aus Metall und Beton, in dem das Gleis 4 durch den oberen Teil des Bahnhofs verläuft, löste sich ein Betonbrocken. Er fiel auf die Hallendecke, die sich darunter befindet. Doch die zwölf Millimeter dicke Platte konnte das Gewicht nicht halten. Polternd durchschlug der Beton den Rigips. „Ein Passant hatte das Geräusch gehört, dann knallte der Beton auch schon auf den Boden“, berichtete ein Polizist. Die Feuerwehr schätzt das Gewicht auf 20 bis 25 Kilo, andere Beteiligte sprechen sogar von 30 Kilo.

Das Gleis 4 und ein Teil der Halle wurden gesperrt. Für Fahrgäste und Besucher blieb nur ein schmaler Durchgang. Viele schauten beklommen zu dem Loch in der Decke – und zu dem Brocken, der mit abgeplatzten Teilen und einer Lampenhalterung auf dem Boden liegt.

#image1

Der Beton brach an einer Stelle heraus, an der Platten der Bahnsteigkonstruktion auf dem Metallprofil des Gleistrogs liegen, erklärte Bahnsprecher Burkhard Ahlert. „Immerhin sind keine tragenden Teile betroffen, und es besteht keine Einsturzgefahr“, versicherte er. Trotzdem ist das Ausmaß der Mängel und Gefahren unklar. „Wir prüfen, ob es weitere Schäden gibt“, hieß es. Statiker haben bereits weitere fehlerhafte Stellen entdeckt, so die Feuerwehr.

Wann der Beton verbaut worden ist, konnte Ahlert nicht sagen. Möglicherweise gingen die Baumängel auf die Sanierung des Bahnhofs zurück. 1995 bis 1999 war er für 110 Millionen Euro fast völlig entkernt und innen neu aufgebaut worden. Auf den Schutt kam auch der Innenausbau aus DDR-Zeiten – damals war das Gebäude ein Zwitter aus Verkehrs- und Grenzstation, für den Autoren Jens Sparschuh der „absurdeste Bahnhof Berlins“.

„Wie ein Stück Putz“

Die Stützen und Gleiströge, die größtenteils auf den 1925 beendeten Umbau zurückgehen, blieben stehen – der Verkehr konnte während der Sanierung weitergehen. „Sie wurden gründlich untersucht“, sagte am Donnerstag Architekt Werner Weinkamm, der das Projekt geplant hat. „Ein Neubau war nicht nötig. Die Stahlbetonkonstruktion ist massiv“ – stärker als erforderlich. Durch das Bremsen und Anfahren der Züge werde sie aber stark belastet. „Sie ist immer in Bewegung.“ Da könne es vorkommen, dass ein Teil der Betonschale abplatzt: „Wie ein Stück Putz.“

„Es hätte mich treffen können“, sagte Ralf-Peter Hayen. Ihm steckte der Schreck noch in den Knochen. „Ich bin völlig fassungslos.“