Berlin - Viele Schaufenster sind rot, weiß, gelb und türkis beklebt – der Leerstand der Läden im Quartier 206 an der Friedrichstraße in Mitte ist unübersehbar. Wo einst Boutiquen von Marken wie Gucci, Louis Vuitton oder Yves Saint Laurent ihre Waren anboten, ist von Glamour derzeit keine Spur mehr zu sehen.

Hintergrund ist ein Streit um die Luxus-Immobilie in bester Lage. Seit dem Jahr 2011 steht der markante Block an der Friedrichstraße unter Zwangsverwaltung. Die Gläubiger versuchen ihn nun per Zwangsversteigerung zu Geld zu machen. Der Termin dafür ist der 4. Mai.

Der Eigentümer des Quartiers 206, eine Firma der Familie von Immobilienunternehmer Anno August Jagdfeld (Hotel Adlon, Grandhotel Heiligendamm), will die Zwangsversteigerung jedoch verhindern. „Der Eigentümer ist davon überzeugt, dass der Versteigerungstermin aufgehoben werden wird“, sagte am Dienstag Christian Plöger, Sprecher der Deutschen Immobilien Gruppe, die zur Jagdfeld Gruppe gehört. „Er wird die unberechtigte Versteigerung, die die Bank seit dem Jahre 2011 versucht, nicht akzeptieren.“

Gegenforderung: 665 Millionen Euro

Zwischen dem Eigentümer des Quartiers 206 und der Bank, die die Versteigerung betreibt, wird seit Jahren über die Zulässigkeit der Zwangsversteigerung und Zwangsverwaltung gestritten. Die Immobilie soll mit 140 Millionen Euro belastet sein. Mittlerweile geht es aber nicht nur um Millionen-Forderungen der Gläubiger, sondern um Forderungen der Eigentümer gegen die Gläubiger.

Auf 665 Millionen Euro belaufen sich deren Gegenforderungen. „Als sich das Quartier 206 vor der Zwangsverwaltung noch im Management der Jagdfeld Gruppe befand, war das Gebäude noch in einem hervorragenden Zustand und an exzellente internationale Mieter vermietet“, argumentiert Unternehmenssprecher Plöger für die Eigentümer.

Warum das Quartier 206 unter Zwangsverwaltung geriet, mag er jedoch nicht erläutern. Mehrere gerichtliche Verfahren würden derzeit in der Sache geführt, unter anderem vor dem Oberlandesgericht Frankfurt am Main, sagt Plöger. Ende: offen. 

Der Zwangsverwalter weist die Vorwürfe zurück. Der Vermietungsstand der Büroflächen habe sich verbessert, die Einnahmen seien sogar „deutlich gestiegen“. Von den Ladenflächen seien dagegen weniger vermietet. Insgesamt lägen Auslastung und Einnahmen der Immobilie aber auf einem „marktüblichen Niveau“.

Friedrichstraße erhält Konkurrenz

Klar ist indes, dass der Ruf des Quartiers 206 unter der Auseinandersetzung leidet – und damit das Ansehen der Friedrichstraße in Gefahr bringt.

Im Untergeschoss werden Läden schon zu günstigen Preisen zeitweise vermietet, um der Kundschaft leere Schaufenster zu ersparen. „Die Situation tut dem Objekt nicht gut“, sagt Rüdiger Thräne vom Maklerhaus Jones Lang Lasalle. Erschwerend kommt hinzu, dass die Einkaufsstraßen generell weniger Kunden haben. Immer mehr Menschen gehen lieber im Internet shoppen. Wer da Kunden verliert, bekommt sie so schnell nicht wieder.

Außerdem erhält die Friedrichstraße innerhalb Berlins immer stärkere Konkurrenz. Zuletzt durch die Eröffnung der Mall of Berlin am Leipziger Platz, aber auch durch Tauentzien und Kudamm, wo sich vermehrt Luxusboutiquen ansiedeln. Rüdiger Thräne glaubt allerdings nicht, dass die Friedrichstraße durch den Leerstand im Quartier 206 nachhaltig Schaden nimmt.

Passage galt als Wiederbelebung der Friedrichstraße

Der Abschnitt zwischen Leipziger Straße und Unter den Linden sei schließlich der attraktivste auf der Einkaufsmeile. Stabiler in der Gunst der Kunden ist nach Ansicht von Nils Busch-Petersen, Chef des Einzelhandelsverbandes, aber derzeit der Abschnitt der Friedrichstraße zwischen Unter den Linden und Bahnhof Friedrichstraße. Wenn es gelinge, die Kunden in die Friedrichstraße zwischen Leipziger Straße und Unter den Linden zu lenken, habe er um die Straße keine Bange.

Das Quartier 206 entstand Mitte der 90er-Jahre als Teil der Friedrichstadt-Passagen, die aus drei Blöcken bestehen. Der Name leitet sich aus der unterirdischen Ladenpassage ab, die die Quartiere 205, 206 und 207 miteinander verbindet. Der Bau der Friedrichstadt-Passagen galt nach der Wiedervereinigung als Schrittmacher für die Wiederbelebung der Friedrichstraße. Alle drei Blöcke wurden von namhaften Architekten entworfen.

Für das Quartier 205 zeichnete Oswald Mathias Ungers verantwortlich, für das Quartier 206 der Amerikaner Henry Cobb, für das Quartier 207 der Franzose Jean Nouvel. Bekanntester Mieter im Quartier 207 ist das französische Modekaufhaus Galeries Lafayette. Vom Zwangsverwalter des Quartiers 206 war bis Redaktionsschluss keine Stellungnahme zu erhalten.