„Sensationell! Der Bauchtanz ausgeführt von der schönen Sophia in den prachtvollen Bier- und Weinstuben zum ‚Verborgenen Veilchen‘. Krausenstr. 71,  Entree frei. Es ladet ein die junge Wirtin“ – Werbezettel wie diesen bekamen die Passanten der Friedrichstraße um 1900 immer wieder in die Hand gedrückt.

Wer aus der Provinz kam, verstand nicht in jedem Falle sofort den Charakter der Etablissements, die sich im heißesten Vergnügungsviertel Deutschlands angesiedelt hatten und Kundschaft suchten. Deutlicher vielleicht diese: Der „Jockey-Club“ in der Dorotheenstraße 93 lockte mit den „schönsten und schneidigsten Sportsdamen der Residenz“, und  die  Bar „Geier Wally“ in der Zimmerstraße 22 versprach „Bedienung von Ausländerinnen“.


Auf dem schmalen Trottoir der Friedrichstraße schlenderte um 1900 viel lohnende Kundschaft – Menschen auf der Suche nach Erlebnissen und Abenteuern entlang der Cafés und Restaurants. Reiseführer über Berlin berichten, dass um die Jahrhundertwende der Spaziergang – ein recht junges Phänomen – in Bürgertum wie Arbeiterschaft inzwischen nicht ein bloß in Parkanlagen  gesuchter Freizeitspaß war, sondern auch innerhalb der Stadt  beliebt wurde. Viele dieser Spaziergänge führten durch die Friedrichstraße – besonders an Sonntagen.

Friedrichstraße: „Keine Berliner Straße dient so der Neugier“

Der Berlin-Beobachter und  Schriftsteller Hans Ostwald schrieb 1907: „Keine Berliner Straße dient so der Neugier, dem Laster und dem Bummel wie die Friedrichstraße. Alle anderen großen Straßen werden eilig durchlaufen. In allen rennt die Hast nach Gewinn. In der Friedrichstraße auch. Aber neben dieser Hast nach Gewinn jagt die Zeit nach Genuss. Fremde, die erstaunt sind über die prall über den Hüften sitzenden Kleider, über die anlockenden Gesichter unter den verwegen aufgesetzten, oft so überladenen kleinen Hüten, unter deren einer Seite grelle Blumen hervorquellen. Manch Blick bleibt auf den bloßen Armen haften, manch anderer folgt einem glitzernden, engen Gürtel und zierlichen Stiefeletten.“

Ostwald nennt auch die Architektur der Gegend als Attraktion, „Fremde“ bestaunten in Ehrfurcht oder Verwunderung den Prunk der Kaisergalerie (Friedrichstraße, Ecke Behrenstraße) und  andere berühmter Gebäude. Die Schaufenster schildert er  1904 als Orte romantischer Begegnungen zwischen homosexuellen Männern und das Schlendern  durch die Passage der Kaisergalerie   als Gelegenheit für lässige Unterhaltungen zwischen Jungen und Mädchen.

So wird es nicht werden, wenn, wie soeben amtlich verkündet, die Friedrichstraße für ein paar Tage  im September und im Dezember zu autofreien Flanierzone wird. So locker wie einst geht es dort längst nicht mehr zu. Ausgerechnet zum Verweilen verleitende Cafés und Restaurants fehlen, und immer mehr Geschäfte verlassen die von vielen als recht steril und teuer empfundene Gegend. Eines  aber gilt wie anno dunnemals: Kommerz ist angesagt.