So fing alles an: Kurz vor Weihnachten 2018 wurde ein kurzer Abschnitt der Friedrichstraße erstmals vorübergehend gesperrt.
Foto: Imago Images/A. Friedrichs

BerlinWo heute noch Autos fahren, sollen Einkaufsbummler in Ruhe spazieren und Radfahrer sicher vorankommen. Der Senat möchte einen großen Teil der Friedrichstraße in Mitte ein halbes Jahr lang für den Kraftfahrzeugverkehr sperren – allerdings ist nun absehbar, dass die Unterbrechung später als zuletzt angekündigt beginnen wird. Hieß es bislang, dass der Verkehrsversuch Anfang Juni anfangen sollte, nennt die Verwaltung derzeit keinen Termin mehr.

 Der Starttermin befindet sich „derzeit noch in der Abstimmung“, erklärte Jan Thomsen, Sprecher von Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne), am Mittwoch. Schuld an der Verzögerung ist die Corona-Pandemie, teilte er mit. „Inwieweit die Bestimmungen der Eindämmungsverordnungen, insbesondere die Abstands- und Kontaktregeln, zu integrieren sind oder noch Änderungen bei Gestaltung und Ablauf erfordern, wird derzeit beraten“, so Thomsen.

Berichten zufolge gibt es auch Probleme, Straßenmobiliar zu beschaffen, das auf die Fahrbahn gestellt werden soll. Schuld seien die Beschränkungen des internationalen Warenverkehrs, hieß es.

Stefan Lehmkühler und seine Mitstreiter von Changing Cities hatten sich dafür eingesetzt, die Friedrichstraße zu einer „Straße der Zukunft“ zu gestalten. Die Initiative „Stadt für Menschen“ setzt sich für eine „Flaniermitte“ ein. Lehmkühler berichtete nach einem Gespräch mit der Senatsverwaltung, dass dort nun der 1. Juli oder der 1. August 2020 als Termin für den Start des Verkehrsversuchs ins Auge gefasst werden. Das wollte Jan Thomsen aber nicht bestätigen.

„Das Vorhaben ist nach wie vor in der Planung“, sagte der Behördensprecher. Im März hieß es, dass es sechs Monate dauern sollte. Weiterhin sei vorgesehen, den Abschnitt zwischen der Französischen und der Leipziger Straße für Kraftfahrzeuge zu sperren, so Thomsen. Fußgänger sollen dort auch auf der Fahrbahn laufen dürfen. Anders als heute müssen sich Passanten dann nicht mehr auf den relativ schmalen Gehwegen drängen, sie dürfen auch Teile der heutigen Fahrbahn nutzen. Dadurch werden die Bereiche, die Fußgängern zur Verfügung stehen, von derzeit 4,50 auf 8,50 Meter verbreitert.

In der Straßenmitte wird eine „Safety Lane“ markiert. Sie soll fünf Meter breit werden. Normalerweise dienen die jeweils 2,50 Meter breiten Fahrstreifen dem Radverkehr. Im Notfall können dort Einsatzfahrzeuge fahren. Damit die Geschäfte in der Friedrichstraße weiterhin beliefert werden können, werden an den Einmündungen der Querstraßen Logistikzonen eingerichtet.

Geplant ist auch, am Checkpoint Charlie einen verkehrsberuhigten Bereich einzurichten. Er soll an der Kreuzung Schützenstraße beginnen.

BVG will Strecke verkürzen

Derzeit sind in der Krausenstraße, die dort die Friedrichstraße kreuzt, noch Busse der Linie 265 unterwegs. Doch die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) planen, die derzeit wegen Bauarbeiten unterbrochene Strecke zu verkürzen und die Busse in Richtung Schöneweide künftig statt am U-Bahnhof Stadtmitte erst am U-Bahnhof Märkischen Museum einzusetzen, berichtete Lehmkühler. „Das würde es anders als jetzt ermöglichen, Gelenkbusse fahren zu lassen.“ Denn die jetzigen Busse seien oft zu klein für den Andrang der Fahrgäste.

„Ziel des Verkehrsversuchs ist es, die Aufenthalts- und Lebensqualität für Berlinerinnen und Berliner sowie für Touristen zu erhöhen, die Attraktivität der Innenstadt an dieser zentralen Stelle zu steigern und damit auch Gewerbe und Einzelhandel zu stärken“, teilte die Verkehrsverwaltung im März mit. Sie deutete damals an, dass die Friedrichstraße später dauerhaft für Autos gesperrt werden könnte. Der Versuch sei „Voraussetzung für eine autofrei gestaltete Friedrichstraße“, hieß es.

Um Mitbürger auf den Geschmack zu bringen, wie die Friedrichstraße ohne Autos aussehen würde, setzte das Bündnis „Stadt für Menschen“ im Dezember 2018 die stundenweise Sperrung eines kurzen Abschnitts durch , die sich auf ein längeres Teilstück und auf ein ganzes Wochenende erstreckte. Im Oktober 2019 gab es eine umfangreichere Verkehrsunterbrechung. Der Plan, im Advent 2019 eine weitere Sperrung folgen zu lassen, wurde nicht realisiert – auch weil sich bei Gewerbetreibenden Kritik regte.

Auch Tauentzienstraße soll probeweise gesperrt werden

Wie berichtet sehen Gewerbetreibende und der Anliegerverband „Die Mitte“ den geplanten Versuch kritisch. Auch die Opposition reagierte ablehnend. „Senat und Bezirk scheinen das Ziel einer autofreien Innenstadt Ost zu verfolgen. Dabei gibt es dort zahlreiche Probleme, die gegen eine Fußgängerzone sprechen“, warnte Henner Schmidt (FDP) im März.

Für den geplanten Versuch gebe es eine Rechtsgrundlage, entgegnete Stefan Lehmkühler, der in dem Bereich wohnt. Sie sei im Paragrafen 45 der Straßenverkehrsordnung zu finden, der jüngst novelliert worden sei. Danach können die Behörden die Benutzung von Straßen verbieten, um verkehrssichernde oder verkehrsregelnde Maßnahmen zu erproben. „Die Änderung trat am 28. April in Kraft“, sagte Lehmkühler.

Wie berichtet soll auch die Tauentzienstraße in der City West probeweise für den Kraftfahrzeugverkehr gesperrt werden.