Berlin - Herr Rahimkhan, wer schneidet Ihnen eigentlich die Haare?

Das lasse ich immer wieder von unterschiedlichen Leuten bei mir im Salon machen. Weil ich ein grauenvoller Kunde bin. Ich bringe die Leute zur Weißglut, weil ich einfach nicht stillsitzen kann.

Können Sie sich noch an Ihren ersten Friseurbesuch erinnern?

Das war einfach schrecklich. Ich war vier Jahre alt und mit meinem Vater beim Friseur in Rasht in Nordiran. Ich musste still halten, dabei hat alles gepiekst und wehgetan. Es gab doch früher diese fürchterlichen elektrischen Haarschneidemaschinen, die haben einen im Nacken ganz wund geschnitten.

Trotzdem haben Sie beschlossen, Friseur zu werden. Träumen iranische Eltern nicht eher davon, dass ihre Söhne Arzt werden?

Tatsächlich ist es im Iran sehr wichtig, dass mindestens einer in der Familie den Arztberuf ergreift. Das ist aber gar nicht so weit weg vom Friseur, früher haben die Barbiere ja auch den Blinddarm rausgenommen. Meine Mutter sagt allerdings heute noch zu mir, jetzt wo du alles erreicht hast, kannst du doch mit dem Studium anfangen.

Das wird wohl nichts mehr.

Nein. Inzwischen bin ich viel zu leidenschaftlich dabei. Als ich 15 war und als Friseur anfing, hatte ich aber andere Motive. Ein Freund nahm mich damals in Wien mit in den Salon seines Vaters. Ich komme also in diesen Raum und dann sind da nur er und 20 Mädels. Das fand ich toll. Eigentlich bin ich nur wegen der Mädels Friseur geworden.

Sie haben in London, Paris, Los Angeles und New York gearbeitet. Warum kamen Sie nach Berlin?

Das war nie geplant, Berlin war mir eigentlich fremd. Aber von Los Angeles hatte ich die Nase voll, ich war ständig pleite, weil das Geld am Wochenende bei Partys in Las Vegas draufging. Ich beschloss, aus den USA wegzugehen. Zu dieser Zeit lebten meine Eltern in Karlsruhe und ich dachte, fährst du sie für ein paar Monate besuchen. So kam ich 1995 nach Deutschland und dachte, wenn ich schon hier bin, dann muss ich aber auch Berlin sehen.

Wie war der erste Eindruck?

Nicht besonders. Ich kam am Bahnhof Zoo an und dachte: Okay, ist ein bisschen größer als Karlsruhe. Dann ging ich den Kurfürstendamm entlang, von dem die ganze Welt redete. Aber ich kannte Wien, diese opulenten Häuser, und dachte, ich komme in eine ähnliche Stadt. Dann war’s natürlich enttäuschend, aber nur weil ich ein falsches Bild hatte.

Trotzdem sind Sie geblieben.

Einige Monate wollte ich mir die Stadt, von der ich so wenig wusste, schon anschauen. Also habe ich mir Arbeit gesucht. Da ich immer nur bei den besten Friseuren arbeiten wollte, fuhr ich zum Kudamm, weil das die teuerste Berliner Straße ist. Dort habe ich die Leute gefragt, wer hier der Platzhirsch ist. Da haben die gesagt, das sei Udo Walz.

Der Name sagte Ihnen nichts?

Nein. Ich dachte nur, wie kann man mit so einem Namen Erfolg haben? Er war der erste Udo, den ich kennenlernte.

Sie haben sich einfach bei ihm vorgestellt?

Genau, ich ging in seinen Salon, nannte ihm meine Stationen und er ließ mich sofort eine Kundin schneiden. Nach einem gemeinsamen Mittagessen war ich angestellt. Von Udo habe ich sehr viel gelernt. Zum Beispiel habe ich früher viel Party gemacht. Udo sagte, wenn du schon ausgehst, solltest du Kontakte pflegen. Also gingen wir in die Paris Bar, über ihn lernte ich viele Promis kennen. Er war ein guter Freund.

Ist er das heute noch?

Ja. Ab und zu bin ich bei ihm, er wohnt ja wie ich in Schmargendorf.

Man könnte denken, Sie seien eher Konkurrenten. Gerade jetzt, wo Sie auch einen Salon am Kudamm aufgemacht haben.

Ich spreche aber ein ganz anderes Publikum an.

Wo ist der Unterschied?

Was soll ich da sagen, ohne dass es komisch klingt? Es ist ein klarer Altersunterschied von über 25 Jahren da, und den gibt es natürlich auch bei der Klientel. Wir sind einfach ein Stück lässiger und jünger.

Ist Berlin mittlerweile eine Heimat für Sie geworden?

Ja, ich fühle mich hier total heimisch. Ick bin ein Berliner.

Jetzt sind die Berliner oft ruppig, unfreundlich. Haben Sie schlechte Erfahrungen gemacht, als jemand, der ausländisch aussieht?

Ausländerfeindlichkeit habe ich nie erlebt, aber ich bewege mich nachts auch eher im King Size oder im Grill Royal, da sind nur internationale Leute. Wenn so etwas passiert, finde ich das tragisch, aber es ist auch nicht anders als in L.A., Wien oder Paris. Schade, dass es so dumme Menschen gibt, aber es sind sicher nicht mehr oder weniger als irgendwo anders.

Als Berliner müssen Sie sich über irgendetwas aufregen! Also legen Sie los: Was nervt Sie an der Stadt?

An echten Berlinern nervt mich dieses Jammern über sich selbst. Die Berliner sind so was von überhaupt nicht patriotisch, dass es schon ärgerlich ist. Da rede ich auch mit aller Kunst dagegen. Die Leute im Ausland oder aus anderen deutschen Städten machen doch einen Kniefall, wenn du sagst, du kommst aus Berlin. Das werden sie auch in fünf Jahren noch machen. Weil es großartig ist, wie unterschiedlich diese Stadt sich entwickelt hat. West- und Ost-Berlin, das sind zwei Städte in einer. Wo kann man das sonst erleben?

Sie arbeiten 60 bis 80 Stunden pro Woche. Wenn Sie mal frei haben, erwischen Sie sich dabei, dass Sie anderen auf die Haare gucken?

Leider Gottes, ja. Das Blöde ist, dass ich mich auch damit beschäftige, was man an der Frisur besser machen könnte.

Sagen Sie das den Leuten auch?

Nee. Auch wenn mich im Restaurant Leute ansprechen, was ich mit ihren Haaren machen würde, gebe ich keine Tipps. Das machen wir dann schon noch im Salon.

Wie kriegt man bei Ihnen einen Termin?

Bei mir persönlich nur über Empfehlungen von Stammkunden. Die will ich ja auch nicht verärgern und sie zwei Monate auf einen Termin warten lassen. Aber ich habe 70 Mann Personal, da geht natürlich immer ein Termin.

Und Sie selbst schneiden hauptsächlich Prominente?

Nicht nur. Das mit den Prominenten hat sich so entwickelt. Die kennen sich ja auch untereinander und fragen dann, wo der tolle Haarschnitt gemacht wurde. So und nicht anders bin ich auch zu Tony Blair und seiner Frau gekommen. Ich habe einer Freundin die Haare gemacht, sie ging zum Essen zu den Blairs, die fragten sie, wo sie ihre Frisur her hat. Dann sagte sie, die ist vom Shan in Berlin.

Wem fassen Sie sehr gern ins Haar?

Allgemein ist die Arbeit an Models schon die kreativste, wie jetzt zur Fashion Week. Natürlich ist es auch ein tolles Erlebnis, wenn man Hilary Swank trifft oder Catherine Deneuve.

Sind Sie dann aufgeregt?

Ich überspiele das ganz gut. Deshalb buchen mich die Stars ja auch gern, weil ich eben nicht anfange zu zittern. Es ist weniger Aufregung als vielmehr Respekt, denn du weißt, die Leute haben sich in Tokio, Paris und New York die Haare von den besten Leuten machen lassen. Denen kannst du nichts vormachen.

Wie läuft das? Ruft Frau Deneuve an, und dann fliegen Sie nach Paris?

Nein, nein, sie ist ja drei bis viermal im Jahr in Berlin, dann besuche ich sie im Adlon oder im Regent. Sie hat ziemlich genaue Vorstellungen und ist eine echte Diva. Ich könnte eine Anekdote erzählen.

Ach bitte.

Wir gehen zum Haare waschen runter ins Adlon Day Spa, sie hat natürlich ihre Zigarette an. Daraufhin eilt der Hotelmanager an ihre Seite, reicht ihr einen Aschenbecher und weist sie auf das Rauchverbot hin. Sie würdigt ihn keines Blickes, zieht an der Zigarette, ascht runter auf den Boden und geht weiter. Als habe neben ihr eine Fliege gesummt.

Welcher Promi bereitet Ihnen haartechnisch die meisten Sorgen?

Sehr schade finde ich, dass Verona Pooth um die Haare immer katastrophal aussieht. Dieses schwarz Gefärbte, ganz komisch. Auch Heidi Klum sieht wahnsinnig langweilig aus. Sie ist so oft im Fernsehen zu sehen, und dann trägt sie die Haare immer so glatt runter.

Und wer ist immer toll frisiert?

Rihanna ist extrem mutig und genial. Auch Meryl Streep hat privat immer tolle Frisuren – cool, kurz, lässig. Bei den Deutschen gefällt mir Christiane Paul gut.

Und bei den deutschen Männern?

Ich mag es, wenn etwas ältere Männer ganz lässig längere Haare tragen, den Götz-George-Look. Jogi Löw ist auch ein positives Beispiel. Ansonsten müssen wir ins Ausland schauen, zu David Beckham etwa. Über den kann man schimpfen wie man will, aber er hat immer wahnsinnig zeitgemäße, coole Frisuren.

Das Gespräch führten Anne Vorbringer und Marcus Weingärtner.

„Reden wir über Berlin ...“ heißt unsere Interviewreihe im Lokalteil. Alle bisher erschienen Gespräche lesen Sie in unserem Online-Dossier zur Serie.