War der Struwwelpeter des Frankfurter Arztes Heinrich Hoffmann vielleicht einst auch in Quarantäne? Er sieht fast so aus.
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BerlinWenn zwei Berliner dieser Tage miteinander reden, natürlich im Abstand von Einsfuffzich, dann kann man vielleicht folgendes hören: „Eh, du hast ja ’ne richtije Mecke jekricht! Dein Kragen is hochjewachsen, und deine Oahn vastecken sich im Untaholz.“ – „Dit musst grade du saren, meen Lieba. Ick gloobe, deine Perücke is verrutscht. Oben haste jar nischt mehr, und hinten fällt et fast runta.“ Ja, die Haare sind in den Wochen der Corona-Schließungen ein höchst akutes Thema geworden. „Der Friseur ist inzwischen längst systemrelevant!“, schrieb jemand.

Früh, nach dem Aufstehen, stehen meine Haare zu Berge. Ich fühle mich wie der alte Einstein und strecke mir vor dem Spiegel die Zunge heraus. „Einstein? Du siehst aus wie’n Wiedehopf“, sagt meine Frau. Ich antworte: „Und du? Du siehst aus wie’n Huhn nach’m Stromschlag!“ So eine friseurfreie Zeit erfrischt eben auch das Eheleben.

Die Haare spielen auch im Berlinischen eine wichtige Rolle. Sie finden sich in vielen Sprüchen: „Die Olle hat Haare uff de Zähne“ – „Det jing haarscharf daneben“ – „Um een Haar hätt ick den Bus nich mehr jekricht“ – „Kiek mal, dem wächst schon die Kniescheibe durch de Haare.“ Damit ist die Glatze gemeint.

Auch ich habe mir überlegt, meine Corona-Verwilderung zu beenden und kurzen Prozess zu machen – „ratzekahl allet ab“. Immerhin ist die Glatze ja heute eine weit verbreitete Frisur. Und auch sehr vorteilhaft. Man kann „beim Haareschneiden den Hut uff behalten“, wie der Berliner sagt. Ja, noch viel besser: Man muss erst gar nicht mehr in einen dieser Läden gehen, die da Namen tragen wie „Mata Haari“, „Vier Haareszeiten“, „Vorhair & Nachhair“ oder „Hairport“.

Doch ich trau mich nicht, mir eine Glatze zuzulegen. Ich höre schon die Witzeleien: „Mann, uff deine Platte kann man ja ausrutschen. Musste mal wieda streuen!“ Außerdem mag ich Haare. Ich habe Glück mit meinen, und ich sehe Haare auch gerne bei anderen. Da bin ich nicht der Einzige. Wenn man etwa in die romantische Literatur guckt, entdeckt man überall Haare.

Bei Heinrich Heine zum Beispiel: „Wo ist die Fee mit dem langen Goldhaar,/ Die erste Schönheit, die mir hold war?“ Oder bei Detlev von Liliencron: „Rötliche, schimmernde, krausliche Haare/ Sind eine preisliche, köstliche Ware.“ Oder bei Joachim Ringelnatz: „Gleich flüssigem Golde erglänzte ihr Haar,/ Und ich las in dem dunklen Augenpaar.“

Frauen bedichteten selten die Haare anderer. Dafür war ihnen die Macht der eigenen Haare bewusst, so wie der Dichterin Thekla Lingen: „Lass es flattern, dein duftend Haar –/ Bist ja nicht immer zwanzig Jahr!“

Heute dagegen schwärmen Frauen auch von Männerhaaren. Für wen sitzen die Typen denn sonst stundenlang beim Friseur und laufen mit Samuraiknoten auf dem Kopf umher? Es ist also ein Dienst an der Minne trotz Corona, wenn am Montag die Friseure wieder aufmachen.

Apropos Corona: Eine der bekanntesten Langhaarigen ist ja wohl Rapunzel. Im Animationsfilm „Rapunzel – Für immer verföhnt“ von 2017 sitzt die Schöne aber nicht in ihrem Turm, sondern in einem Schloss, als Prinzessin. Demnächst soll sie zur Königin gekrönt werden – ausgerechnet in einem Reich, das Corona heißt. Das Ganze ist, wie man sich schon denken kann, eine ziemlich haarige Angelegenheit.

Zum Weiterlesen: Torsten Harmsen: Der Mond ist ein Berliner. Wunderliches aus dem Hauptstadt-Kaff, be.bra verlag, 224 Seiten, 14 Euro.