Nationalsozialismus: Teil der Vernichtungsmaschinerie sein – und trotzdem ein Held?

Fritz Kittel war als Reichsbahnmitarbeiter Teil der NS-Vernichtungspolitik. Doch heimlich versteckte er zwei Jüdinnen. Das Technikmuseum zeigt seine Geschichte.

Besucher der Ausstellung „Wer war Fritz Kittel?“ im Deutschen Technikmuseum.
Besucher der Ausstellung „Wer war Fritz Kittel?“ im Deutschen Technikmuseum.Britta Pedersen/dpa

Sie kennen bestimmt die Geschichte von Oskar Schindler? Der in Mähren geborene Unternehmer rettete während des Holocausts über 1200 Juden, die in seiner Munitionsfabrik als Zwangsarbeiter angestellt waren. Insbesondere die Spielberg-Verfilmung „Schindlers Liste“ machte sein Handeln weltbekannt. Später wurde er posthum von der Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt. Doch es gibt auch weniger bekannte Geschichten von Menschen, die Juden vor Deportation und Tod retteten. Eine davon wird im Deutschen Technikmuseum erzählt, unter dem Titel: „Wer war Fritz Kittel?“

Inmitten von alten S-Bahn-Waggons, Reichsbahnen und Deportationszügen steht Esther Dischereit am Rednerpult. Die Schriftstellerin – Tochter einer Holocaust-Überlebenden – eröffnet die interaktive Ausstellung. „Es ist wichtig, eine Heldengeschichte eines Einzelnen zu erzählen, der nicht einer Gruppe angehörte, nicht berühmt war“, sagt sie. Dischereit appelliert in ihrer Rede an die „Verantwortung des Einzelnen“ und hofft, dass auch der Retter ihrer Mutter irgendwann geehrt wird.

Er hieß Fritz Kittel. Der Reichsbahnmitarbeiter versteckte Hella und Hannelore Zacharias, die Mutter und die Schwester von Esther Dischereit, während der NS-Zeit. Er fälschte Dokumente, nahm beide in seiner Wohnung auf, gab sie als seine Ehefrau und seine Tochter aus. Beide Frauen überlebten die Shoah. Nach der Befreiung durch amerikanische Soldaten trennten sich die Wege von Kittel und Hella und Hannelore Zacharias.

„Wer war Fritz Kittel?“ Eine multimediale Ausstellung über Zivilcourage in der NS-Zeit ist im Technikmuseum in Berlin zu sehen.
„Wer war Fritz Kittel?“ Eine multimediale Ausstellung über Zivilcourage in der NS-Zeit ist im Technikmuseum in Berlin zu sehen.Markus Waechter/Berliner Zeitung

Im Museum bestaunen Besucher in multimedialen Schubladen Artefakte aus Fritz Kittels und Hella Zacharias’ Leben. Die Ausstellung nimmt sie mit zu den Orten des Verstecks und der Flucht, zeigt Originalfotos von Fritz Kittel und seiner vermeintlichen Familie. Neben den gefälschten Personalausweisen und Dokumenten der damaligen Behörden sieht man eine kleine Handtasche, die Zacharias gehörte, oder einen Schokoriegel. Begleitet werden die Artefakte von literarischen Texten, die Dischereit in den vergangenen Jahren verfasste.

Die Wanderausstellung beschäftigt sich zudem kritisch mit der Rolle der Deutschen Reichsbahn während des Nationalsozialismus. Die Bahn war tief verstrickt in die Verbrechen gegen die Menschlichkeit: Der Generaldirektor der Reichsbahn, Julius Dorpmüller, wurde 1937 Verkehrsminister. Mehr als drei Millionen Juden wurden in Zügen nach Osten deportiert, mehr als 100.000 Zwangsarbeiter waren bei der Reichbahn beschäftigt. Sie war eines der Räder, die die Vernichtungspolitik Adolf Hitlers am Laufen hielten. Ohne die Reichsbahn wäre die Deportation von Millionen von Juden, von Sinti und Roma nicht möglich gewesen.

Originalfotos von Hella und Hannelore Zacharias.
Originalfotos von Hella und Hannelore Zacharias.Markus Waechter/Berliner Zeitung

„Für uns als Deutsche Bahn ist es unsere historische Verantwortung und ein zentrales Anliegen, das Gedenken an die Opfer des Holocaust wachzuhalten und uns kritisch mit der NS-Zeit auseinanderzusetzen“, sagt der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn, Richard Lutz. Die Ausstellung, die von der Deutschen Bahn mit entwickelt wurde, sei ein Angebot, sich auf eine Zeitreise zu begeben und zu fragen: „Würde ich auch so handeln wie Fritz Kittel?“, so Lutz.

Auch Felix Klein, Beauftragter der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland, begrüßt die Ausstellung über Fritz Kittel. „Damit wird das mutige Handeln des Reichsbahners gewürdigt, der in der dunkelsten Zeit der deutschen Geschichte Mut bewiesen und zwei Jüdinnen vor dem sicheren Tod gerettet hat.“ Das Handeln des Eisenbahners sei Antrieb, sich auch heute antisemitischen Anfeindungen entgegenzustellen.


Die Ausstellung „Wer war Fritz Kittel? Ein Reichsbahnarbeiter entscheidet sich – zwei Familien 1933–2022“ ist bis zum 30. April 2023 im Deutschen Technikmuseum zu sehen.