Polizisten führen den Verdächtigen in der Schlosspark-Klinik ab. Der Chefarzt Fritz von Weizsäcker war am Dienstagabend erstochen worden.
Foto: dpa/Paul Zinken

Berlin-CharlottenburgDer Mann, der am Dienstagabend den tödlichen Angriff auf den Mediziner Fritz von Weizsäcker, den Sohn von Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker, verübt hat, wird in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen. „Der Unterbringungsbeschluss wegen Mordes und wegen versuchten Mordes ist soeben antragsgemäß erlassen worden“, teilte die Staatsanwaltschaft Berlin am Mittwochabend bei Twitter mit. Der 57-Jährige sollte demnach noch am Mittwoch in eine nicht näher benannte Einrichtung gebracht werden.

Das Tatmotiv des 57-Jährigen aus Rheinland-Pfalz liege nicht im höchstpersönlichen Bereich, sondern in einer wohl „wahnbedingten allgemeinen Abneigung des Beschuldigten gegen die Familie des Getöteten“, sagte Martin Steltner, Sprecher der Staatsanwaltschaft, am Nachmittag zur Begründung des Antrags. Er sprach von einer „akuten psychischen Erkrankung“ des Beschuldigten und berief sich auf eine psychiatrische Untersuchung vom Mittwoch.

Die Schlosspark-Klinik in Charlottenburg am Dienstagabend.
Foto: Morris Pudwell

In der Vernehmung durch die Mordkommission räumte der Mann die Tat ein. Um sie zu planen, recherchierte der 57-Jährige den Angaben zufolge im Internet und stieß dabei auf den Vortrag des Weizsäcker-Sohnes in der Schlosspark-Klinik in Charlottenburg. Demnach fuhr er am Dienstag mit der Bahn zu der Veranstaltung nach Berlin, nachdem er zuvor noch ein Messer gekauft haben will, um die Tat zu begehen.

Zuhörer wollte helfen

Nach dem Ende der Veranstaltung hatte der Mediziner noch mit Zuhörern gesprochen. Zeugen zufolge ging der 57-Jährige schnell auf den Arzt zu und stach ihn mit einem Messer nieder. Ein Zuhörer ging dazwischen und wurde von dem Angreifer schwer verletzt.

Nach Angaben der Polizei ist der Helfer ein 33-jähriger Polizist, der privat bei dem Vortrag war. Mehrere Menschen aus dem Publikum halfen, überwältigten den Angreifer und hielten ihn bis zum Eintreffen der Polizei fest.

Bei dem 33-Jährigen handelt es sich nach Informationen der Berliner Zeitung um einen Vater von vier Kindern, der in der Abteilung II des Landeskriminalamtes Betrugsdelikte verfolgt. Er wurde im Krankenhaus operiert und war am Mittwoch wieder außer Lebensgefahr, konnte aber bis zum Nachmittag noch nicht befragt werden.

Tatverdächtige hatte Abneigung gegen Richard von Weizsäcker

Der 57-jährige Tatverdächtige ist nach Angaben der Staatsanwaltschaft nicht vorbestraft. „Über ihn liegen nach derzeitigem Ermittlungsstand auch keine anderweitigen strafrechtlichen Erkenntnisse vor“, so Sprecher Steltner.

Nach Informationen der Berliner Zeitung stammt der Verdächtige ursprünglich aus Berlin. Er lebte aber zuletzt in der Nähe von Koblenz in Rheinland-Pfalz. Dort durchsuchten Polizei und Staatsanwaltschaft die Wohnung des Mannes. Dabei sei nichts Auffälliges gefunden worden, hieß es aus Polizeikreisen.

Nach Recherchen des Spiegel begründete der Täter seine Abneigung mit der Rolle Richard von Weizsäckers, des Vaters des Getöteten, beim Chemiekonzern Boehringer Ingelheim. Richard von Weizsäcker sei als Geschäftsführer des Konzerns in den Sechzigerjahren dafür verantwortlich gewesen, dass das Unternehmen tödliche Giftstoffe für den Vietnam-Krieg geliefert habe. Da er den Vater nicht mehr habe treffen können, habe er sich den Sohn als Opfer ausgesucht.

Charité reagiert „zutiefst erschüttert“

Die Schlosspark-Klinik hat im Eingangsbereich ein Kondolenzbuch für Fritz von Weizsäcker ausgelegt. „Alle Mitarbeiter haben die Möglichkeit, in einem geschützten Raum ihre Betroffenheit zum Ausdruck zu bringen“, teilte die Klinik am Mittwoch mit.  

Im Krankenhaus wurde am Mittwoch ein Kondolenzbuch für den getöteten Mediziner ausgelegt.
Foto: Eric Richard

Kanzlerin Angela Merkel bekundete ihr Beileid. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier schrieb der Mutter des Opfers, der einstigen First Lady Marianne von Weizsäcker (87), und drückte sein Mitgefühl aus. Der Umweltwissenschaftler Ernst Ulrich von Weizsäcker würdigte seinen Cousin Fritz mit warmen Worten: „Ich fand ihn ganz wunderbar“, sagte von Weizsäcker in Berlin. „Ich habe ihn ungewöhnlich lieb gehabt.“ Fritz von Weizsäckers Schwester Beatrice postet bei Instagram ein Kreuz.

Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) bekundete ihr Beileid. „Ich bin bestürzt über die Nachricht vom tödlichen Angriff auf Fritz von Weizsäcker. Meine Gedanken und mein Beileid sind bei seinen Angehörigen“, erklärte die SPD-Politikerin. Sie verurteile Gewalt gegen Ärztinnen und Ärzte und Pflegekräfte „aufs Äußerste“. Dass Menschen, die anderen helfen und Leben retten, so etwas passiere, erschüttere sie besonders.

„Eine solch grausames Gewaltverbrechen lässt uns alle mit der Frage nach dem Warum zurück“, erklärte der Präsident der Berliner Ärztekammer, Günther Jonitz. Man trauere um einen „engagierten Kollegen“, der seit Jahren in verschiedenen Gremien in der Ärztekammer aktiv gewesen sei.  

Der Vorstand der Charité zeigte sich „zutiefst erschüttert“ über den gewaltsamen Tod des Arztes. „Unsere Gedanken sind bei den Angehörigen und den Kolleginnen und Kollegen der Schlosspark-Klinik“, heißt es in einer Erklärung.  

Zuletzt war in einem Krankenhaus der Hauptstadt im Juli 2016 ein Arzt getötet worden. Der 55 Jahre alte Oberarzt Thomas P. war im Klinikum Steglitz von einem 72 Jahre alten Patienten in einem Behandlungszimmer erschossen worden. Anschließend tötete sich der Mann selbst. Thomas P. war Spezialist für Mund-, Kiefer und Gesichtschirurgie. Später stellte sich heraus, dass der Täter unheilbar krank war, und er kurz zuvor die Diagnose erhalten hatte.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels zeigten wir versehentlich ein Bild, welches nicht Fritz von Weizsäcker darstellte. Wir bitten um Entschuldigung.