Es sieht tatsächlich aus wie Papier. Hauchdünne Blättchen, mal gelb, mal orange. Und sie schmecken nach Zitrone, Orange, Erdbeere. Die Knusperscheiben, die Zubin Farahani in einem Kreuzberger Souterrain in Tüten füllt, sind zu 100 Prozent aus Obst. Früchte und ein Spritzer Zitronensaft, mehr ist nicht drin, sagt der 30-Jährige. Im Mund zerfallen sie, kauen muss man die Blättchen, die ein wenig an die Kindersüßigkeit Esspapier erinnern, nicht. Je nach Mischung schmecken die Fruchtpapier-Schnipsel mal mehr nach Mango, Ananas, Banane oder Erdbeere – und immer nach Apfel.

Gegen die Verschwendung

„Apfelmus ist die Basis für alle Sorten“, sagt Farahani und zieht große Lochbleche mit neuen Fruchtpapier-Platten aus einem mannshohen Ofen. Eigentlich ist er Arzt, zuletzt arbeitete er im Emil-von-Behring-Krankenhaus in Zehlendorf. Doch seit Dezember hat er zwei Räume in der Kreuzberger Dieffenbachstraße gemietet, Kühlschränke, Mixer, Packtische und Regale gekauft und betreibt hier die Manufaktur „Dörrwerk“.

Er wollte etwas Neues ausprobieren, sagt er, und zugleich die Welt ein bisschen besser machen. Denn Farahani geht es nicht nur darum, gesunde Snacks herzustellen. Er möchte auch etwas gegen die Verschwendung von Lebensmitteln tun. Für sein Fruchtpapier verwendet er nur Obst, das zwar gut ist, das aber vom Handel aussortiert wird, weil es nicht mehr völlig makellos ist.

80 Kilogramm Lebensmittel werden pro Einwohner in Deutschland jedes Jahr weggeworfen, sagt der gebürtige Berliner. Vor allem Südfrüchte, die schnell reif werden, landeten oft in der Tonne. Häufig würden ganze Kisten mit Obst aussortiert, nur weil eine einzige Frucht darin braun geworden sei, sagt er.

Farahani ärgert sich über diese Wegwerfmentalität. Er hat Kontakte zu Initiativen, die für ein Umdenken werben, etwa durch Foodsharing, also das Teilen von Lebensmitteln. Und er wollte selbst etwas tun. So wurde er zum Obstretter. Die Praxis, Früchte zu dörren, um sie haltbar zu machen, sei ja alt, sagt Farahani über seine Idee. Nur, dass Trockenobst oft zäh wie Leder sei. Seine ersten Versuche seien bei seinen Freunden nicht gut angekommen. Ganz anders dann das Fruchtpapier: „Die fanden es super, weil es so knusprig ist.“

Nun fährt er regelmäßig zum Großmarkt und kauft den Händlern Mangos, Ananas oder Bananen ab, die eine Delle oder braune Flecken haben. Farahani will nichts geschenkt. Das sei unethisch sagt er, weil er selbst ja ein Geschäft damit betreibe. Aber er zahle natürlich weit weniger als für erstklassige Ware.

Hat Farahani das Obst in Kreuzberg abgeladen, heißt es: Waschen, Schneiden, Pürieren. Der Fruchtmus-Mix wird auf ein Blech gestrichen und bei niedrigen Temperaturen gedörrt. Später geht es weiter mit Zerkleinern, Verpacken und Versenden. Farahani macht fast alles selbst. Nur ein Mini-Jobber und Freunde unterstützen ihn.

60 Kilo Obst am Tag

Der 30-Jährige hat zwischen 15.000 und 20.000 Euro in sein Projekt investiert, sagt er. Weiteres Kapital hat er über die Crowdfunding-Plattform startnext.com eingesammelt. Für 10 Euro konnte man hier beispielsweise drei Tüten Fruchtpapier ordern. Die Aktion war ein Erfolg: Statt der angepeilten 7 500 Euro kamen rund 14.000 Euro zusammen.

Farahani macht das Mut. Aber auch viel Arbeit. Er muss nun im Februar an die Crowdfunding-Geldgeber 4 000 Tüten mit Fruchtpapier verschicken – und entsprechend viel Ware herstellen. Damit ist er völlig ausgelastet. Denn mehr als 4000 Tüten pro Monat seien derzeit nicht zu schaffen, dafür müsse er knapp 60 Kilo Obst am Tag verarbeiten, sagt Farahani.

Auf lange Sicht will er sich eine professionellere Ausstattung zulegen sowie nach Investoren und Geschäftspartnern suchen, etwa Läden, die das Fruchtpapier ins Sortiment aufnehmen. Bisher kann man es nur im Internet über Doerrwerk.de kaufen, für 2.90 bis 3.50 Euro pro Tüte. Wie sich das Sortiment noch verändert, kann er schwer sagen. Das hängt auch von den Lebensmitteln ab, die er rettet. Und was ihm damit einfällt. Kürzlich hat ein Händler Kohlköpfe aussortiert. Farahani hat die Blätter getrocknet. Aber der Trocken-Kohl müffelt. Skeptisch knabbert der 30-Jährige daran. So kommt der Knabber-Kohl wohl nicht in die Tüte.