Auf das nächste Sommerfest an seiner Klinik freut sich Rainer Rossi schon jetzt. Er wird sich gar nicht sattsehen können an den spielenden, gesunden Kindern. Dass sie unbeschwert herumtollen können, ist nicht selbstverständlich. Sie alle wurden zu früh geboren, also vor der 40. Schwangerschaftswoche. Manche hatten es sogar extrem eilig: Sie kamen in der 23. Schwangerschaftswoche mit wenigen hundert Gramm Gewicht zur Welt. Ohne die Pflege in der Vivantes-Kinderklinik Neukölln, die Rainer Bossi leitet, wären viele dieser Mädchen und Jungen heute nicht am Leben.

Das Perinatalzentrum in Neukölln verfügt über eine hoch spezialisierte Station zur Betreuung frühgeborener Babys. Dorthin werden jetzt schwangere Frauen aus der Charité-Klinik auf dem Virchow-Campus verlegt, bei denen ein besonders hohes Risiko für eine Frühgeburt vorliegt. Andere Berliner Kliniken nehmen Schwangere mit einem niedrigeren Risiko auf.
Auf Stationen für Frühgeborene müsse man immer mit Infektionen rechnen, sagt der Berliner Arzt. Auch bei penibler Einhaltung der Vorschriften könne es zu Fehlern kommen. An Rossis Klinik ist man erst vor kurzem auf eine bis dahin nicht bekannte Keimquelle gestoßen. Es ging um Antibiotika, die vielen Frühgeborenen dreimal täglich verabreicht werden, um sie vor Mikroben zu schützen. Die Medikamente werden in sehr kleinen Mengen individuell aufbereitet. Bisher nutzte man pro Kind eine Packung täglich – das erlaubte der Beipackzettel und noch nie hat es deswegen Zwischenfälle gegeben. Wie sich bei näherer Untersuchung jedoch herausstellte, waren die angebrochenen Einheiten mikrobiologisch nicht mehr einwandfrei. „Jetzt brechen wir jedes Mal eine neue Packung, auch wenn es mehr kostet“, berichtet Rainer Rossi.

Nur eine Schwester pro Kind

Der Klinikdirektor hatte Krankenhaushygieniker aus Freiburg um die Überprüfung gebeten, nachdem im vergangenen Jahr in Bremen drei Neugeborene an Klinikkeimen gestorben waren. Dabei hatte es sich um multiresistente Bakterien gehandelt. Zu dieser Kategorie gehören die jetzt in der Charité gefundenen Erreger zum Glück nicht: Sie können durch übliche Medikamente abgetötet werden.

„Wir brauchen eine Krankenhaushygiene, bei der aktiv nach problematischen Ecken gesucht wird“, sagt Rossi. Schon jetzt seien die Standards sehr hoch, wenn es etwa um die Zubereitung von Infusionslösungen und Nahrung gehe. Aber bis hin zur Abfallentsorgung müssten alle Bereiche immer wieder unter die Lupe genommen werden.

Deutsche Frühgeborenenärzte – Fachbegriff: Neonatologen – wie Rainer Rossi orientieren sich an Ländern wie Schweden. Dort liegt die Sterblichkeitsrate von Frühgeborenen auf dem weltweit niedrigsten Niveau von 2,6 Promille. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Rate bei 3,5 Promille, das heißt, von 1000 Frühgeborenen sterben im Durchschnitt 3,5 oder positiv ausgedrückt: 996,5 Kinder überleben.

In Schweden, aber auch in anderen skandinavischen Ländern, werden Frühchen oft von nur einer Schwester umhegt. Dadurch sinkt die Gefahr, dass Keime in den Brutkasten gelangen. In Deutschland ist meist ein ganzes Team zuständig. Zugleich werden skandinavische Frühgeborenen-Eltern früher als hierzulande in die Pflege einbezogen. Ihre Zuwendung wirkt in dieser Extremsituation positiv, auch wenn sie nicht steril sind. Darüber hinaus kommen fast alle skandinavischen Frühgeborenen in spezialisierten Zentren zur Welt.

Von einer stärkeren Zentralisierung der Frühgeborenenmedizin verspricht sich Rainer Rossi weitere Verbesserungen hierzulande. Eine Spezialklinik sollte im Jahr mindestens 30 Kinder ab einem Geburtsgewicht von 1250 Gramm betreuen. Dann könne die nötige Erfahrung gesammelt werden, um in diesem Bereich der Hochleistungsmedizin auch international wirklich Spitze zu sein.

Bei aller ärztlichen Kunst: Auch in Zukunft wird es nicht gelingen, alle frühgeborenen Kinder zu retten. „Wir müssen auch demütig sein“, sagt Rossi. Umso mehr freut er sich, wenn die Behandlung gelingt. Und beim nächsten Sommerfest in Neukölln wieder viele Kinder da sind.