"Der Blick auf Clubs als Wirtschaftsfaktor und Touristenmagnet bedeutet wohl, dass die beste Zeit der elektronischen Musikkultur vergangen ist".
Foto: Benjamin Pritzkuleit

BerlinVielleicht haben Sie mitbekommen, dass das KitKat und der Sage Club von der Schließung bedroht zu sein schienen. Beide Clubs teilen Räumlichkeiten in einem Gebäude in der Köpenicker Straße. Zunächst hieß es, der Eigentümer, ein Münchner Investor, wolle im hinteren Teil des Geländes ein Hotel eröffnen. Die Worte Münchner, Investor und Hotel lassen den Berliner Puls ja sofort in ungesunde Höhen schnellen. Aber derzeit sieht es wohl so aus, als sei eine Einigung in Sicht und die ganze Aufregung umsonst. Warten wir mal ab.

Clubsterben ist in Berlin ein Reizwort wie anderenorts Wald- oder Artensterben. Die Bar25 ist weg, das King Size auch, Stattbad Wedding, Bassy Club, Knaack, White Trash, Magnet Club, Icon, KingKongClub und das Rodeo sind ebenfalls Geschichte, und wenn ich jetzt hier Orte vergessen habe, dann nur, weil ich früher eben ab und zu auch mal in eine Vorlesung gehen musste.

Die Gründe für Clubschließungen kann ich schnell aufzählen, es sind meistens Investoren, Lärmbeschwerden oder beides.

Vor 30 Jahren kam es auch vor, dass Vermieter Clubbetreibern kündigten, aber dann wurde eben ein anderer Ort gefunden und dort weitergefeiert. Das war, als es in Berlin noch freie, erschwingliche Locations gab und ein entsprechend großes Publikum, das die Clubkultur lebte.

Politische Unterstützung 

Heute bekommt die Szene politische Unterstützung, so als würde sie nebenbei noch Braunkohle fördern. Die Clubcommission, eine Interessensvertretung aus Clubbesitzern und Veranstaltern, verwaltet seit kurzem etwa den vom Senat finanzierten Lärmschutzfonds. Dadurch erhalten Clubbetreiber unter bestimmten Voraussetzungen Fördergelder für lärmdämmende Maßnahmen.

Selbst die Berliner CDU kämpft für den Erhalt der Clubs, denn das Nachtleben gilt nun als wichtiger Wirtschaftsfaktor. Die Szene generiert immerhin einen Jahresumsatz von fast 1,5 Milliarden Euro. Damit lässt sich die BER-Baustelle ja circa 50 Minuten lang finanzieren.

Die politische Unterstützung finde ich einleuchtend und wichtig, und trotzdem sehe ich sie als Ausdruck einer sterbenden Clubkultur. Denn es ging ja in deren Hochzeiten nicht um die Schaffung von Arbeitsplätzen, die Erwirtschaftung von Steuern und touristische Attraktivitätssteigerung, sondern um Spaß und Hedonismus – je improvisierter, desto besser. Berliner Clubs waren ein Gegenentwurf zur durchkapitalisierten Arbeitswelt. Die besten unter ihnen hatten nur unter der Woche auf, man musste sich also entscheiden: feiern oder funktionieren?

Viele Menschen konnten beides, abwechselnd. Und sie konnten es sich auch leisten, nicht nur finanziell, aber eben auch. Die Clubs waren erschwinglich, offen für fast alle und ein gutes Ventil für den Stress einer Großstadt im Umbruch. Und vielleicht ist es das, was in Berlin mittlerweile noch mehr fehlt als bezahlbare Räumlichkeiten. Die Auffassung, dass nicht alles vom nächsten Arbeitstag abhängt.

Der Blick auf Clubs als Wirtschaftsfaktor und Touristenmagnet bedeutet wohl, dass die beste Zeit der elektronischen Musikkultur vergangen ist. Berlin profitiert noch immer vom Mythos dieses Lebensgefühls. Aber es war schöner, als dieser Profit noch nicht in Euro bemessen wurde, sondern in der Anzahl der auf beste Weise verschwendeten Stunden.