Berlin - Die große Trauerhalle des Treptower Friedhofs in Baumschulenweg ist Mittwoch früh gut gefüllt. 200 Menschen sind gekommen, um Heinz Keßler zu verabschieden. Der ehemalige Verteidigungsminister der DDR starb Anfang Mai mit 97 Jahren. Ganz vorne sitzen an diesem Tag die beiden früheren RAF-Terroristen Christian Klar und Eva Haule. Man fragt sich, warum sie zu dieser Beerdigung gekommen sind und worin genau die Verbindung zwischen den drei Menschen besteht. Denn Zufall ist der Besuch dieser Trauerfeier sicher nicht.

Zwei Zeitungen, der Berliner Kurier und die BZ, thematisieren am nächsten Tag die Anwesenheit der beiden ehemaligen Terroristen. Sie drucken die Bilder der beiden Ex-Terroristen großformatig. Aber darauf ist mehr zu erkennen, als nur die reine Anwesenheit der Personen. Die Fotos haben eine Botschaft.

Für den Fotografen posiert

Klar und Haule sitzen in der vierten Reihe. Ganz hinten, hinter den Sitzbänken, stehen viele Leute dicht gedrängt an der Wand. Aber die Plätze rings um diese beiden Menschen bleiben an drei Seiten frei. Die ersten drei Reihen sind so gut wie nicht besetzt. Die Bilder wirken so, als hätten es Klar und Haule darauf angelegt, fotografiert zu werden.

Ganz sicher war es auch genau so beabsichtigt, sagt der Forscher Klaus Schroeder, „ich wundere mich überhaupt nicht, dass die beiden gekommen sind“. Schroeder leitet den Forschungsverbund SED-Staat an der Freien Universität in Berlin. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der deutschen Teilungsgeschichte, der Geschichte der DDR, dem Wiedervereinigungsprozess und mit Extremismus. „Christian Klar und Eva Haule haben an diesem Tag noch einmal für alle sichtbar dokumentiert: ’Wir sind gegen die BRD’“, sagt Schroeder.

Christian Klar ist heute 65 Jahre alt. Er zählte zur zweiten Generation der Roten Armee Fraktion. Zwischen 1977 und 1982 war er an den meisten RAF-Anschlägen und Überfällen beteiligt. Wohl nahezu jeder, der zu dieser Zeit in West-Deutschland gelebt hat, erinnert sich an sein Gesicht. Jedenfalls daran, wie es damals ausgesehen hat. Seine Fahndungsplakate waren omnipräsent.

Verbindungen zur DDR hat der Lebensweg von Christian Klar durchaus. Klar war an den Verhandlungen mit der DDR-Regierung beteiligt, die 1980 RAF-Aussteiger aufnahm. Er selber ließ sich in der DDR militärisch ausbilden, lernte schießen, wurde an der Panzerfaust geschult und im Anwenden von Sprengstofftechnik. 1982 wurde er gefasst und später wegen Mordes unter anderem an Generalbundesanwalt Siegfried Buback, an dem Banker Jürgen Ponto und an Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer zu lebenslanger Haft verurteilt.

Es gab mehrfach öffentliche Kontroversen um seine vorzeitige Entlassung aus der Haft. Zwei Bundespräsidenten lehnten sein Gnadengesuch ab. Erst 2008 kam er frei. 2016 wurde bekannt, dass er als freier Mitarbeiter für den Linken-Bundestagsabgeordneten Dieter Dehm tätig war.

Eva Haule ist heute 62 Jahre alt. Sie gehörte zur dritten RAF-Generation. Haule engagierte sich in der Berliner Hausbesetzerszene, ab 1979 betreute sie RAF-Gefangene im Gefängnis, später auch Christian Klar. 1986 wurde sie verhaftet und später wegen dreifachen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Sie kam 2007 frei.

Symbolwert der Bilder

Klaus Schroeder hält die Frage, ob es eine persönliche Bekanntschaft von Haule, Klar und Keßler gibt, für irrelevant. „Sowohl Keßler wie auch Klar und Haule sahen sich als politische Opfer“, sagt Schroeder. Sie hätten sich als Mitglieder einer marxistisch-leninistischen Avantgarde gefühlt, Keßler aus dem System heraus und die Terroristen als Kampftruppe.

In der DDR habe die RAF zwar kaum Sympathisanten gehabt, ganz anders als im linken Spektrum der Bundesrepublik. „Aber Haule und Klar wissen, welchen Symbolwert die Bilder von ihrem Beerdigungsbesuch haben“, sagt Schroeder. Für ihn ist das Ziel der beiden ganz offensichtlich manipulativ. „Es geht darum, die gemeinsame Ablehnung zu zeigen. Die Botschaft ist: Keßler hat sein bestes versucht, gegen diesen kapitalistischen, sexistischen, rassistischen Staat. Leider vergeblich“, sagt Schroeder. So würden die Ex-Terroristen sich auch sehen.