Die vielen Lichter, die das Bettenhaus der Charité am Dienstagabend in sanftes Lila tauchten, dürften manche für ein Zeichen der Solidarität mit Paris gehalten haben – schließlich ergibt der Mix aus Weiß, Blau und Rot der französischen Nationalflagge die Farbe Lila. Doch das Bekenntnis galt nicht Frankreich, sondern jenen Kindern, die zu früh auf die Welt kommen. In einer weltweiten Kampagne zum Frühgeborenen-Tag wurde am Dienstag auf die besondere Situation dieser Kinder aufmerksam gemacht. Wie die Charité wurden unter anderem die Niagara-Fälle zwischen den USA und Kanada angestrahlt und das Empire State-Building in New York. Seit 2008 findet dieser Tag statt.

„Rund 9 Prozent aller Kinder in Deutschland kommen zu früh auf die Welt“, sagt Christoph Bührer, Direktor der Klinik für Neonatologie an der Charité, wo jedes Jahr 4 900 Kinder geboren werden. Frühgeborene stellen die größte Gruppe der Kinderpatienten, weltweit gesehen ist Frühgeburt die häufigste Todesursache bei Kindern. „Von Frühchen spricht man, wenn Kinder vor der vollendeten 37. Schwangerschaftswoche zur Welt kommen, also drei Wochen zu früh“, sagt Bührer. Ab fünf Wochen zu früh werden die Neugeborenen für gewöhnlich in einem Brutkasten versorgt – dort ist es konstant 37 Grad warm, die Luftfeuchtigkeit beträgt 90 Prozent.

Zwischen 3 000 und 4 000 Gramm wiegen Kinder bei der Geburt im Schnitt. Kritisch werde es, so Bührer, wenn die Kinder weniger als 1 500 Gramm auf die Waage bringen. Das ist meist vor der 30. Schwangerschaftswoche der Fall – und in jeder 100. Schwangerschaft. „Ein Drittel der Kinder, die weniger als 750 Gramm bei der Geburt wiegen, sterben“, so der Mediziner.

Hauptproblem bei frühgeborenen Kindern ist die Lunge, die eigentlich erst ab der 34. Schwangerschaftswoche „einsatzbereit“ ist, aber auch der Darm, der noch gar nicht so recht verdauen kann, da die Nahrung in diesem Entwicklungsstadium über die Nabelschnur aufgenommen wird. Bis zu einem Gewicht von zwei Kilogramm müssen die meisten Frühchen im Krankenhaus bleiben.

38 320 Kinder kamen im vergangenen Jahr in Berlin auf die Welt, 3 500 von ihnen als Frühchen. „Die Frühgeburten-Zahlen steigen leicht an“, sagt der Arzt. Als Grund nennt er die zunehmende Zahl der künstlichen Befruchtungen und als Folge die Zunahme von Mehrlingsschwangerschaften. Selbst Vierlinge seien inzwischen keine Seltenheit mehr, „die haben wir jährlich“.