Am Sonntag brunchen zu gehen, ist keine abenteuerliche Idee mehr. Dabei auf der Oberbaumbrücke in der Kälte zu sitzen, hingegen schon. Am Austragungsort der jährlichen Gemüseschlacht zwischen Kreuzberg und Friedrichshain soll das Frühstück zum Flashmob werden. Volker Siems vom Nachbarschaftsblog „Polly & Bob“ hat das Flashmeal mitorganisiert.

Können die Frühstücker am Sonntag auf der Brücke gemütlich sitzen?

Ja, wir sorgen für Tische, Bänke und Deko. Frühstück muss jeder selbst mitbringen.

Wie sollen die Besucher bei diesen Temperaturen warm bleiben?

Wir haben Glühwein und Kaffee für unsere Gäste. Außerdem möchten wir, dass die Leute in Bewegung bleiben. Zum Beispiel mit Spielen: Wir zerschneiden Karten und die passenden Paare müssen sich finden.

Warum haben Sie gerade die Oberbaumbrücke ausgesucht?

Normalerweise laufen die Menschen einfach aneinander vorbei, jeder geht seinen Weg zur U-Bahn oder eben über die Brücke. In der Regel weiß man gar nicht, an wem man da vorbeigeht. Bei dem Frühstück wollen wir die Möglichkeit schaffen, dass sich die Menschen auch mal kennenlernen.

Das ist schon die zweite Aktion Ihrer Nachbarschaftsinitiative. Was wollen Sie damit erreichen?

Wir wollen eine neue Art der Nachbarschaft schaffen. Eine Nachbarschaft in der die Nachbarn mehr miteinander leben anstatt aneinander vorbei.

Kennen Sie denn alle Ihre Nachbarn?

Nein, aber wir sind gerade dabei, uns kennenzulernen. Kürzlich haben wir füreinander gekocht: Wir waren für jeden Gang in einer anderen Wohnung. Bei mir gab es das Dessert und den Absacker.

Seit wann wohnen Sie in Berlin?

Seit etwa neun Jahren.

Warum beschäftigen Sie sich mit Nachbarn und Nachbarschaft?

Ich habe viele Jahre als Unternehmensberater gearbeitet, war kaum zu Hause und hatte irgendwann das Gefühl, dass mein Leben an mir vorüberzieht. Ich habe mich dann mit alternativen Wirtschaftsmethoden beschäftigt, wie zum Beispiel das Projekt „Tauschring“. Die Neue Nachbarschaft geht allerdings noch viel weiter, hier geht es nicht nur um wirtschaftliche Dinge, sondern um die Frage: Wie wollen wir leben?

Welche Probleme sehen Sie in unserem Wirtschaftssystem?

Es braucht ständig Wachstum. Dabei haben wir schon genug. Wir können schon gar nicht mehr genießen. Wir konsumieren nur noch oder kaufen einfach nur und werfen dann weg.

Wie wirkt sich das auf das Zusammenleben aus?

Es gibt zwei problematische Entwicklungen in der Gesellschaft. Erstens: Die große Abhängigkeit von der Wirtschaft. Menschen versuchen, alles mit Geld zu lösen. Das andere ist die zunehmende Digitalisierung: Man hängt zwar in sozialen Netzwerken rum, trifft sich aber nicht mehr persönlich. Jeder ist in seiner eigenen Wabe, aber virtuell mit anderen Leuten auf der ganzen Welt in Kontakt. Mit der Neuen Nachbarschaft wollen wir die Leute dazu bringen, im echten Leben was zusammen zu machen.

Wollen Menschen nicht mehr die Energie aufwenden, andere kennenzulernen?

Genau darum haben wir uns den Slogan „Nimm dir die Zeit. Bereichere dein Leben.“ auf die Fahnen geschrieben. Unserer Gesellschaft geht es eigentlich so gut, dass jeder sich mehr Zeit nehmen könnte.

Sie sind ja kein Unternehmensberater mehr. Konnten Sie ihr Leben entschleunigen?

Ich bin auf dem besten Wege dahin. Momentan macht „Polly & Bob“ viel Arbeit, ist aber auch sehr bereichernd.

Interview: Juliane Meißner

Flashmeal, 1.12.2013, Oberbaumbrücke zwischen Friedrichshain und Kreuzberg, 10-12 Uhr