Einer von rund 500 Fahrerinnen und Fahrern von Clever Shuttle in Berlin: Reiner Dreuse in einem Elektroauto des Unternehmens.

Foto: camcop media / Andreas Klug

BerlinSie sind ein Mittelding zwischen Sammeltaxi und Rufbus – und ein wichtiger Baustein der Mobilitätswende. Wie Taxis fahren die Autos von Tür zu Tür, wie Busse können sie auch von Fahrgästen, die sich nicht kennen, genutzt werden. Seit 2016 sind die Ridepooling-Fahrzeuge von Clever Shuttle in Berlin unterwegs, für dieses Jahr ist eine Ausweitung des Einsatzgebietes geplant. Doch weil der Mehrheitsgesellschafter Deutsche Bahn (DB) sparen muss, droht die Einstellung des Fahrdienstes. Zunächst soll aber ein Spitzengespräch mit dem Senat stattfinden. Gibt es noch Hoffnung?

Für den Mobilitätsforscher Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin ist die Sache klar. „Ridepooling-Fahrdienste können in größerem Maße dazu beitragen, in unseren Städten die Verkehrswende voranzubringen und die Zahl der privaten Pkw zu verringern“, sagte er. „Wir haben kalkuliert, wie viele Autos ein Fahrdienst wie Clever Shuttle ersetzen könnte. Ergebnis unserer Rechnung ist, dass ein gemeinschaftlich genutztes Fahrzeug rund 50 private Pkw einsparen kann.“ Das Angebot müsse bleiben.

Clever Shuttle wurde von drei Berliner Freunden gegründet. Heute sind die grünweißen Elektrofahrzeuge außer in Berlin in Dresden, Kiel, München, Leipzig und Düsseldorf unterwegs. Rund 1430 Beschäftigte hat das Unternehmen, das zu 76 Prozent der bundeseigenen DB gehört. Davon ist ein großer Teil in Berlin tätig: In der Kreuzberger Firmenzentrale arbeiten 130 Menschen. Angestellt sind auch die rund 500 Fahrerinnen und Fahrer, die im Vergleich zur Taxi- und Mietwagenbranche gut entlohnt werden. Corona hat ihnen allerdings Kurzarbeit beschert. So sind in Berlin von 150 Fahrzeugen nur rund 40 unterwegs.

Die Pandemie lässt auch bei der Bahn die Einnahmen sinken. Nach eigener Rechnung benötigt sie bis 2024 zusätzlich rund zehn Milliarden Euro. Eine Hälfte soll vom Staat kommen, die andere Hälfte will das Bundesunternehmen durch Einsparungen erwirtschaften. Dabei rücken Aktivitäten, die nicht zum Kerngeschäft gehören, ins Visier.

Über Clever Shuttle ist sich die Bahnspitze allerdings nicht einig. Zwar wurde die Belegschaft in der vergangenen Woche  von einem Bericht überrascht, wonach der Fahrdienst bald nur noch in Leipzig und Düsseldorf unterwegs sei. Doch im DB-Vorstand wird auch argumentiert, dass sich der Mobilitätskonzern nicht aus Zukunftsthemen zurückziehen dürfe. Zudem habe der Fahrdienst in Leipzig vor Corona mehrere Monate lang gezeigt, dass er profitabel arbeiten kann.

„Bislang wurden keine abschließenden Entscheidungen getroffen“, hieß es offiziell. Das zeigt sich auch daran, dass dem Vernehmen nach DB-Fernverkehrsvorstand Berthold Huber erst einmal mit Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) sprechen will. Weil schon der Mitbewerber Berlkönig Zuschüsse erbeten hat, steht man im Senat diesem Thema sehr zurückhaltend gegenüber. Positiv sieht die Verwaltung jedoch den bereits vor Monaten gestellten Antrag, das Clever-Shuttle-Einsatzgebiet in Berlin ab dem Sommer von 300 auf 360 Quadratkilometer zu erweitern – unter anderem bis Hohenschönhausen, Tegel und kurz vor Spandau. Das entspräche Forderungen der rot-rot-grünen Koalition, neue Mobilitätsdienste auch außerhalb der Innenstadt anzubieten.

Ironie der Geschichte: Während der Weiterbestand von Clever Shuttle auf der Kippe steht, kündigt sich auf Bundesebene die von der Branche lang ersehnte grundsätzliche Legalisierung von Ridepooling-Diensten an.

„Der Nahverkehr muss Vertrauen zurückgewinnen, das er während der Coronakrise bei manchen Bürgern verloren hat“, mahnte Andreas Knie. Ergänzungen seien notwendig. „Ridepooling-Dienste wie Clever Shuttle sind eine solche Alternative. Dieser Fahrdienst steht zu allen Tages- und Nachtzeiten zur Verfügung, also auch dann, wenn Bahnen und Busse seltener oder auf vielen Linien gar nicht mehr verkehren. Anders als der klassische Nahverkehr bietet er Tür-zu-Tür-Transporte an, was den Komfort spürbar erhöht. Ridepooling schließt Lücken, die der herkömmliche Nahverkehr nicht oder nur zu hohen Kosten füllen könnte“, so der Mobilitätsforscher.

Damit Fahrten in Außenbezirke wirtschaftlich werden, könnte er sich vorstellen, dass das Land Berlin für jeden gefahrenen Kilometer einen Zuschuss zahlt. Genauso verdiene auch die Taxibranche einen Ausgleich, wenn sie Mobilität in Außenbezirken sicherstellt. „Wichtiger als die Förderung des Autokaufs ist es, Alternativen zum privaten Kraftfahrzeugverkehr zu fördern“, sagte Knie. „Diese Chance müssen wir jetzt nutzen.“