Berlin - Die Meinung ist einhellig: Ein positives Treffen sei es gewesen, weil alle dasselbe anstrebten: einem historischen Ort Würde zu verleihen. Nach solcher Übereinstimmung sah es lange nicht aus an der Fontanepromenade 15 in Kreuzberg. Marc Brune, Architekt und Unternehmer aus Bremen, lässt den Eingeschosser derzeit sanieren. Anfang 2016 hatte er das Haus gekauft, das sechs Jahre leer stand. Die Bautätigkeit hat Geschichts-Aktivisten nicht nur im Kreuzberger Kiez aufgeschreckt. Denn das Haus mit den vergitterten Fenstern im Erdgeschoss hat eine ganz besondere Geschichte.

Zwischen 1938 und 1945 befand sich dort die „Zentrale Dienststelle für Juden“ des Berliner Arbeitsamtes. Eine Behörde des NS-Regimes, von der aus geschätzt 26.000 Menschen zur Zwangsarbeit und damit häufig in die Vernichtung geschickt wurden. Eine Initiative forderte, dort einen Gedenkort einzurichten. Dem Investor wurde vorgeworfen, er würde die dunkle Geschichte „wegsanieren“.

Befürchtungen ausgeräumt

Diese Befürchtungen sind jetzt ausgeräumt. Eigentümer und Aktivisten haben sich getroffen – und festgestellt, dass sie ähnliche Vorstellungen haben. Der Soziologe Lothar Eberhardt, der vor drei Wochen noch einen Baustopp gefordert hatte, lobt jetzt den Investor: „Herr Brune hat glaubwürdig dargelegt, dass er sich der Geschichte des Ortes stellen will“, sagt Eberhardt.

Marc Brune, ein schmaler 50-Jähriger mit schlohweißen Haaren, wirkt erleichtert. Auch deshalb, weil vor einigen Tagen Inge Deutschkron, die deutsch-israelische Autorin, sich dem Protest gegen die Umbauten angeschlossen hatte. Sie selbst, schrieb die 94-Jährige in einem offenen Brief, sei in diesem Haus zur Zwangsarbeit bei der IG Farben verpflichtet worden.

Nur das Engagement des Berliner Fabrikanten Otto Weidt, der Deutschkron wie etliche andere Juden in seiner Blindenwerkstatt beschäftigte, habe sie vor „Vernichtung durch Arbeit“ bewahrt. Marc Brune kennt den Brief und alle Vorbehalte. Er sagt, er habe das Haus erst gekauft, nachdem ihm eine Mitarbeiterin, die jüdischen Glaubens sei, explizit dazu geraten habe. „Das Haus ist so marode, dass es demnächst zusammengefallen wäre“, sagt Brune. Damit wäre es verloren gewesen.

Gedenkort für die „Schikanepromenade“ 

Derzeit sind Handwerker im Innern mit dem Abriss von bröckligen Deckenbalken beschäftigt. Mehr als 30 Holzbalken müssen entfernt werden, Ungeziefer und Schwamm lassen sie zerbröseln. An ihre Stelle kommt eine stabile Ziegeleinhang-Decke. Die ebenfalls von Schwamm befallenen Wände müssen thermisch und chemisch behandelt werden. Die Stuckdecke wurde dafür entfernt und eingelagert; die Denkmalschutzbehörde des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg wacht darüber, dass sie Stück für Stück restauriert und wieder eingebaut wird.

Rund 800.000 Euro investiert Brune in die Haussanierung. Im Dachstuhl will er zwei Wohnungen einbauen. Ins Erdgeschoss möchte er ein Büro für sein Unternehmen einrichten. Die andere Hälfte, etwa 60 Quadratmeter, soll zum Gedenkort für die „Schikanepromenade“ werden. So wurde das Gebäude von den zur Zwangsarbeit geschickten genannt. Brune will den Raum an Projekte, Stiftungen oder Initiativen vermieten, die sich mit der Geschichte des Hauses befassen.

Die Stele bleibt stehen

Ilka Keuper von der Inge-Deutschkron-Stiftung, die sich der Vermittlung der Schrecken der NS-Diktatur an Jugendliche verschrieben hat, hält dies für eine gute Idee. Sie könne sich vorstellen, im Haus – quasi in Anlehnung an dessen Geschichte – eine Art Jobbörse für Ehrenamtliche einzurichten. Dass der Investor die Gedenkstele am Haus stehen lassen will und dass er es zu den Tagen des offenen Denkmal öffnen will, sieht sie als Beleg dafür, dass Brune es ehrlich meint.

Auch im Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg hat man die „Schikanepromenade“ längst in den Blick gefasst. Die für Kultur und Finanzen zuständige Stadträtin Clara Herrmann (Grüne) plant Gespräche mit möglichst vielen Akteuren. Die Fontanepromenade sei für den Bezirk ein Ort von zentraler Bedeutung, sagt sie.