Für die neue Fahrradstraße in Mitte wird eine Autostrecke zerstückelt

Das Bezirksamt macht eine Ankündigung aus dem Frühjahr wahr: Ein Teil der Charlottenstraße wird neu gestaltet. Das hat Folgen für den Autoverkehr.

Die Charlottenstraße am Konzerthaus Berlin. Der Abschnitt zwischen Unter den Linden und Leipziger Straße wird zu einer Fahrradstraße gestaltet – mit weniger Durchgangsverkehr als heute.
Die Charlottenstraße am Konzerthaus Berlin. Der Abschnitt zwischen Unter den Linden und Leipziger Straße wird zu einer Fahrradstraße gestaltet – mit weniger Durchgangsverkehr als heute.Berliner Zeitung/Peter Neumann

In Mitte spitzt sich ein weiterer Streit um die künftige Straßengestaltung zu. Das Bezirksamt kündigte am Dienstag an, dass demnächst damit begonnen werde, einen Teil der Charlottenstraße zu einer Fahrradstraße zu gestalten. Im Herbst sollen die Arbeiten auf dem Abschnitt zwischen der Leipziger Straße und Unter den Linden beginnen, teilte Bezirksstadträtin Almut Neumann (Grüne) mit. Für Autofahrer wird dies bedeuten, dass sie diesen Abschnitt nicht mehr durchgehend befahren können. Die Opposition und das Aktionsbündnis Friedrichstraße lehnen das 220.000-Euro-Projekt ab.

Seit mehr als zwei Jahren gibt es in diesem Teil des östlichen Stadtzentrums Ärger. Anlass ist die Frage, wie der Verkehr gestaltet werden soll, wo Autos und Fahrräder zugelassen werden sollen – und wo nicht. Die Diskussion gewann erstmals an Schärfe, als Senat und Bezirk 2020 in der Friedrichstraße einen Verkehrsversuch starteten.

Senat: Mehrheit möchte die Friedrichstraße dauerhaft autofrei

Der 500 Meter lange Abschnitt zwischen der Leipziger und der Französischen Straße wurde für Kraftfahrzeuge gesperrt. Ein Teil der Fahrbahn wurde den Fußgängern zugeschlagen, deren Bereich sich in der Breite von 3,50 auf 8,50 Meter erweiterte. Erhebungen im Auftrag des Senats ergaben, dass die Zahl der Passanten um 50 bis 60 Prozent zunahm. In der Fahrbahnmitte wurde provisorisch ein Radweg markiert, der gut genutzt wird. Zählungen zufolge stieg der Fahrradverkehr in der Friedrichstraße um über ein Drittel.

Ist das die Friedrichstraße der Zukunft? Diese erste beispielhafte Ideenskizze gibt einen Eindruck davon, wie sich der Senat den Abschnitt rund um das Warenhaus Galeries Lafayette vorstellt.
Ist das die Friedrichstraße der Zukunft? Diese erste beispielhafte Ideenskizze gibt einen Eindruck davon, wie sich der Senat den Abschnitt rund um das Warenhaus Galeries Lafayette vorstellt.Senatsverwaltung für Mobilität

Radfahrer und andere Befürworter einer Mobilitätswende loben die Umwidmung städtischen Raums. Als der Senat insgesamt fast tausend Passanten befragen ließ, sprachen sich 82 Prozent für eine dauerhafte Verkehrsberuhigung aus. Diesen Wunsch will die Senatsverwaltung erfüllen, in dem sie ein Verfahren zur Teileinziehung in Gang gesetzt hat. Künftig soll es rechtlich nicht mehr möglich sein, den betreffenden Abschnitt rund um die Galeries Lafayette mit Kraftfahrzeugen zu befahren.

„Berlins peinlichste Radrennstrecke“

Anwohner, das Aktionsbündnis Friedrichstraße, der Verband Die Mitte und der Handelsverband Berlin-Brandenburg stellten die Umfrageergebnisse infrage, und sie nahmen die Gestaltung ins Visier – vor allem den Radweg. Mit dem Fachverband Fußverkehr äußerte sich auch die Fußgängerlobby skeptisch. Darum kündigte Mobilitätssenatorin Bettina Jarasch in diesem Frühjahr an, dass das Teilstück für Radfahrer gesperrt werden soll. „Die Idee einer ‚Flaniermeile‘ mit dem Fußverkehr im Mittelpunkt hat so nicht funktioniert. Als problematisch hat sich insbesondere der breite Radweg in der Straßenmitte erwiesen“, so die Grünen-Politikerin. „Hier wird künftig überall der Fußverkehr Vorrang haben.“ 2023 soll es so weit sein, hieß es jetzt. Der Abschnitt wird endgültig zur Fußgängerzone – ohne Radweg.

„Berlins peinlichste Radrennstrecke“ müsse so schnell wie möglich verschwinden, bekräftigten die Kritiker. Doch wenn Wünsche wahr werden, kann dies auch unerwünschte Folgen haben, wie sich jetzt zeigt. Denn aus Sicht der Anwohner kommt die Erfüllung dieser zentralen Forderung mit einem dicken Pferdefuß. Senat und Bezirk kündigten bereits im Frühjahr an, dass der Radverkehr stattdessen durch die parallel verlaufende Charlottenstraße führen soll. In solchen Straßen sind in der Regel weiterhin Autos, Motorräder und Lkw zugelassen, allerdings bekommen Fahrräder Vorrang.

FDP: „Der linke Senat zieht stur seinen Stiefel durch“

„Radfahrer:innen gehört die gesamte Fahrbahnbreite, sie dürfen jederzeit nebeneinander fahren“, bekräftigte Stadträtin Almut Neumann am Dienstag. „Radfahrer:innen geben die Geschwindigkeit vor. Für alle gilt maximal Tempo 30.“ Großflächige Rotmarkierungen an Knotenpunkten, Piktogramme sowie die Markierung des unfallkritischen Dooringbereichs sollen zur Sicherheit der Radfahrer beitragen. Fußgänger sollen künftig an den Kreuzungen einfacher als heute queren können.

Mehr noch: Zusatzschilder „Anlieger frei“ werden anzeigen, dass Autos, Lkw und Motorräder die Charlottenstraße künftig nur mit einem berechtigten Anliegen befahren dürfen, teilte der Bezirk weiter mit. Der Durchgangsverkehr, der zwischen Unter den Linden und Charlottenstraße derzeit noch auf ganzer Länge möglich ist, werde verringert, bekräftigte die Grünen-Politikerin. Zu diesem Zweck wird die heute noch in beide Richtungen befahrbare Fahrbahn in gegenläufige Einbahnstraßen verwandelt. Das bedeutet konkret: Autos müssen in einigen Fällen weitere Wege als heute zurücklegen, um Geschäfte, Hotels, Tiefgaragen und andere Ziele zu erreichen.

„Der linke Senat zieht stur seinen Stiefel durch. Er verpasst die Chance, ein abgestimmtes Aufenthalts- und Verkehrskonzept für das Berliner Zentrum zu entwickeln“, kommentierte der FDP-Politiker Felix Reifschneider am Dienstag. „Dass die Charlottenstraße auch noch zerstückelt und in aufeinander zulaufende Einbahnstraßen verwandelt werden soll, wird vor Ort zu mehr Chaos und Verkehr führen. Das Berliner Zentrum braucht einen planerischen Neustart, dafür steht die FDP.“ Das Aktionsbündnis, der Handelsverband und andere Akteure setzen sich dafür ein, stattdessen die Glinkastraße zu einer Fahrradstraße zu gestalten.

Lob kam dagegen bereits im Frühjahr von der Fahrrradlobby. „Die Charlottenstraße liegt auf dem Vorrangnetz für den Radverkehr. Das bedeutet, dass hier entsprechend dem Radverkehrsplan in den nächsten Jahren ohnehin ein Radweg entstehen soll“, sagte Lisa Feitsch, Sprecherin des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) Berlin, im April.

Der Wunschzettel der Berliner Fahrradlobby

Allerdings gab es auch Forderungen, wie die neue Fahrradstraße gestaltet werden sollte: „Gute Anbindung im Norden und Süden, Lieferzonen statt Privatparkplätze und bauliche Lösungen, die die Strecke vor Kfz-Durchgangsverkehr schützen, sodass Platz fürs Rad entsteht und das Auto Gast bleibt. So würde Platz und Lebensqualität für alle sichergestellt werden“, so Feitsch. Doch zumindest bei den Parkplätzen deutet sich an, dass auch der Radlerlobby nicht alle Wünsche erfüllt werden: Sie bleiben größtenteils erhalten.

Es gibt aber auch Kritik. „Die Charlottenstraße & die Verbindungen zur zukünftigen Fußgängerzone Friedrichstraße haben insgesamt 25 Tiefgaragen, ‚Parkhäuser‘, Torfahrten & Laderampen. Dort eine sogenannte Fahrradstraße entlangzuführen, ist obszön“, so ein Kommentar bei Twitter. Glinka- und Friedrichstraße seien weniger gefährlich.