Was machen Drachen eigentlich, wenn sie nicht schlafen oder Feuer speien?
Illustration: Imago Images

BerlinIch hatte einen Traum. Ein schwarzer Drache trieb sich an den Ufern des Weißen Sees herum. Ein richtiger Drache, mit gezacktem Rücken, langem Schwanz und krallenbewehrten Füßen. Er hatte kugelrunde Augen und einen freundlichen Mund. Tauchte auf und wieder ab und schlängelte sich zwischen den Badegästen herum. Niemand hatte Angst vor ihm, die Kinder nicht, die Alten nicht, nicht einmal kleine Hunde.

Besonders abgesehen hatte es der Drache auf Visitenkarten, von denen kurioserweise fast jeder der Anwesenden welche vor sich auf der dürren Wiese aufgefächert hatte wie einen Kartensatz. Nach diesen Karten schnappte der Drache und die Leute lachten und überließen sie ihm gerne. „Was essen Drachen?“, fragte ich die Freundin neben mir. Sie sah mich ernst an und sagte: „Alles.“

Am seltsamsten an dem Traum aber war nicht die fehlende Furcht, sondern dass niemand versuchte, den Drachen zu fangen und ihn irgendwelchen touristischen oder wissenschaftlichen Zwecken zuzuführen. Irgendwie wusste ich in dem Traum, dass er vorher schon durch Berlin gestreift war, an anderen Ufern, durch Straßen und Parks. Ungestört und stets auf der Suche nach Visitenkarten. Man ließ und lässt ihn in Ruhe. Unglaublich. Wozu der Mensch in der Lage ist.

Das denke ich auch, als ich wenige Tage später wirklich am See liege. Ein paar Meter weiter sitzt ein Mann an ein Lastenfahrrad gelehnt. Statt Arme hat er nur zwei Stümpfe an den Schultern. Mit den Füßen bedient er ein Smartphone. Seine Zehen benutzt er auch, um die immer wieder vom Wind eingeklappten Ecken seiner Decke gerade zu ziehen. Ein Freund fällt mir ein, den ich lange nicht gesehen habe. Das Contergan, das seine Mutter in der Schwangerschaft nahm, stahl auch ihm die Arme. Mit den drei Fingern, die kurz unter der Schulter gewachsen waren, meistert er das Leben. Öffnet Flaschen, schreibt Briefe, wäscht sich. Wozu der Mensch in der Lage ist ...

In den vergangenen Monaten haben nicht nur Einzelne, Versehrte, gezeigt, wozu der Mensch in der Lage ist. Die ganze Menschheit hat Unfassbares geschafft. Sie hat die Zeit angehalten. Die Füße still. Reisen, einkaufen, Schrott produzieren: Für die Dauer eines Wimpernschlags hat diese zerstörerische Spezies einfach damit aufgehört. Mit dem Alleskaputtmachen.

Und jetzt? Schleppt sie wieder Jeans für zwofuffzig aus den Läden, verschanzt sich in glitzernden Blechkisten und haut sich Koteletts aus Lebewesen auf den Grill, die nichts hatten, was man ein Leben nennen könnte. Ja, sie tanzt auch wieder, die Menschheit, zumindest ein Teil, liegt sich in den Armen, isst und lacht gemeinsam und liegt eben am See, das Lachen der Kinder im Ohr. Wie gut das ist. Doch all das andere ... war eben nur ein Wimpernschlag.

Und der Drache? Der würde jetzt, nach dem neuen Stand der Dinge, in der alten Normalität, wohl in einen Zoo gebracht. Oder in einem Plastikzelt festgeschnallt wie E.T., in dem die Wissenschaft ihm das letzte Leben aus den freundlichen Augen saugt. Oder irgendwie anders zu Geld gemacht. Flieg, Drache, flieg. Und bleib fort.