Berlin - Ich glaube, dass es nicht DIE Definition von Rassismus geben kann. Keine universelle Beschreibung oder Erklärung. Jeder Mensch, der diskriminiert wurde, wird das ihm Widerfahrene anders erleben, empfinden, wiedergeben. Anders im Gedächtnis abspeichern.

Für mich bedeutet Rassismus, ein Gefühl vermittelt zu bekommen, nicht dazuzugehören oder dazugehören zu dürfen. Ausgrenzung. Das erste Mal widerfuhr mir das in der Grundschule in der vierten Klasse. Mein Klassenlehrer schickte mich, wie fast alle anderen Nicht-Deutschen in meiner Klasse, auf die Hauptschule. Vielen meiner Klassenkameraden, wie meinem Sitznachbar Khaled, hatte er sogar eine Empfehlung für die Sonderschule ausgesprochen. Der Lehrer hat damit die Ausländer in der Klasse von den Deutschen abgespalten. Scheinbar durften wir in seinen Augen einer Realschule oder einem Gymnasium nicht angehören.

Er war ein Tyrann

Er war ein Tyrann. Das war der Schuldirektorin auch bekannt. Nur hat sie nichts dagegen unternommen. Mein Papa hat es. Er hat die Empfehlung – damals war sie verbindlich – nicht akzeptiert und mich eine externe Prüfung absolvieren lassen. In einem Diktat, einem Aufsatz und einem Mathetest wurde mein Begabungspotenzial überprüft. Und eigentlich hätte es noch eine mündliche Prüfung geben sollen, aber die war nicht mehr nötig. Ich bekam die Empfehlung fürs Gymnasium auf Anhieb.

Ich habe als Kind nicht verstanden, wieso ich das alles durchmachen musste. Damals wie heute geht Diskriminierung für mich einher mit einer tiefen Traurigkeit und einem Gefühl von Ohnmacht. Es waren immer Erwachsene, die es verursacht haben.

Als ich 18 war, das war vor etwa zehn Jahren, bekam ich den ultimativen Ausweg aufgezeigt. Nach meiner Einbürgerung hatte ich ein Beratungsgespräch mit einem Mann, der für die Ausstellung der Ausweise zuständig war. Er kam direkt zur Sache und riet mir, dass ich meinen Namen ändern solle. „Wie wäre es mit Müller?“, fragte er mich.

Ich fragte zurück: „Kann ich Caliskan nicht behalten?“„Doch, aber ein deutscher Name wäre einfacher für deine Zukunft. Ich würde dir auch raten, deinen Vornamen zu ändern.“ Da war er, der Fehler im System. Er hatte ihn längst erkannt. Es wäre so einfach gewesen, meinen Namen in Miriam Kaltenbach oder Mona Kaufmann zu ändern. Ein paar Klicks am Computer hätte es dafür gebraucht. Und ich hätte für immer dazugehören können.

In meinem Herzen steht Çalışkan für meinen Papa

Ich weiß nicht, wie stark andere Menschen mit ihrem Namen verbunden sind. Ich bin es zutiefst. Der Name meiner Familie wird eigentlich Çalışkan geschrieben, Tschaluschkan ausgesprochen, ins Deutsche übersetzt bedeutet er „hart arbeitend“. In meinem Herzen steht Çalışkan für meinen Papa, der als Selbstständiger bis zu seinem 70. Lebensjahr sieben Tage die Woche zur Arbeit gefahren ist. Sich nie über diesen Umstand beklagt und meine Familie immer vor finanziellen Problemen bewahrt hat.

Den Wert von Fleiß und harter Arbeit habe ich durch meinen Papa erfahren. Er hat mir beigebracht, weiterzumachen, komme was wolle. Es zu etwas bringen – trotz den immens vielen Nachteilen, die unser Name in Deutschland mit sich bringt. Nicht nachzugeben. Nicht aufzugeben. Meine erste Lektion: der Kampf gegen den Klassenlehrer.

Über den Vorschlag musste ich nicht lange nachdenken. Ich behielt meinen Namen und ließ ihn eindeutschen. Die Sonderzeichen, das Ç, ı und ş, sind weggefallen. Mein Caliskan wird ausgesprochen wie er geschrieben wird. An den Mann vom Bürgerdienst muss ich oft denken, wenn das „Nicht-dazugehören-Dürfen“ sich wieder anbahnt. Dann frage ich mich, wie mein Leben heute aussähe, wenn ich Miriam Kaltenbach hieße.