BerlinEin klirrend kalter Dezembertag. Am Wasserturmplatz in Prenzlauer Berg weht einem der Wind stramm ins Gesicht. Wir sind mit dem Schauspieler Vladimir Burlakov zu einem Spaziergang verabredet. Um Punkt ein Uhr biegt ein großer, breitschultriger Mann um die Ecke: verwaschene hellblaue Jeans, dazu eine Jeansjacke in der gleichen Farbe. Auf dem Kopf ein Cap, darüber eine schwarze Kapuze.

Vladimir Burlakov grüßt mit einem freundlichen Ellbogen-Check, es sei sein erstes Interview, dass er während eines Spaziergangs gebe. Wir wollen von dem Schauspieler wissen, wie er 2020 erlebt hat. Es war das Jahr, in dem er seinen ersten Auftritt als „Tatort“-Kommissar hatte – und damit den Quasi-Ritterschlag für Schauspieler erhielt. Wie war es, groß rauszukommen in genau dem Jahr, in dem die Welt eine Vollbremsung hingelegt hat?

„Zu Beginn des Lockdowns im Frühjahr“, erzählt der 33-Jährige, „ist mir die Decke auf den Kopf gefallen.“ Er habe sich zu nichts motivieren können, „sonst bin ich ja immer sehr aktiv.“ In Woche vier des Lockdowns, bekommt er schließlich das Gefühl, als hätte sich plötzlich ein Schalter in ihm umgelegt: „Auf einmal konnte ich die neue Leere genießen. Und keinen ständigen Leistungsdruck mehr erleben zu müssen, bei Castings oder beim Spielen – das war ein befreiendes Gefühl.“

Ein „Tatort“ mit Spitzenquoten

Etwa zu jenem Zeitpunkt erscheint der erste „Tatort“ mit Burlakov in der Hauptrolle. In „Das fleißige Lieschen“ spielt er als Hauptkommissar Leo Hölzer einen Mann, der Hemmungen hat, zur Waffe zu greifen – und einen alten Freund aus Kindheitstagen wieder trifft. Es ist sein Co-Ermittler Schürk, gespielt von Daniel Sträßer, ebenfalls neu an Bord des Saarbrückener „Tatorts“. Heute verbindet beide eine „tiefe Freundschaft“, wie Burlakov sagt. So sitzen sie beide gemeinsam am Ostermontag, als der „Tatort“ ausgestrahlt wird, vor dem Fernseher. Ihre Folge erreicht Spitzenwerte, mehr als zehn Millionen Zuschauer sehen Burlakov und Sträßer.

„Es waren ja auch ganz viele Menschen zu Hause“, sagt Burlakov, fast wie den eigenen Erfolg entschuldigend, „und es wäre interessant gewesen, wie die Quote ohne den Lockdown ausgesehen hätte.“ Wir stapfen die kleine Erhebung hinauf, auf der sich der schmale Steigrohrturm in die Höhe reckt. Zwei Hunde sausen vorbei, Burlakov blickt sie länger an. „Die sind so süß“, seine Stimme wird ganz weich und leise, „ich will auch einen Hund.“

Foto: Imago Images
Daniel Sträßer (l.) spielt im „Tatort“ den Hauptkommissar Adam Schürz, Vladimir Burlakov übernimmt die Rolle des Hauptkommissars Leo Hölzer. 

Der „Tatort“ bleibt nicht Burlakovs einziger großer Auftritt im Jahr 2020. Auch im ARD-Mehrteiler „Oktoberfest 1900“, der im September gezeigt wird, spielt er mit. Als zwielichtiger Künstler und Bohemien Gustav Fierment gibt er in der historischen Serie wilde Partys. Eher eine Nebenrolle, dennoch herausstechend. „Ich mochte die Figur“, blickt er zurück, „weil sie so viele Möglichkeiten bot – und ich mit ihr fast eine gewisse Narrenfreiheit hatte.“ Der Streamingdienst Netflix erwirbt schließlich die Rechte für die Zweitverwertung der Serie, die nun unter dem Titel „Beer and Blood“ auf der ganzen Welt zu sehen ist.

Der lange Weg zu sich selbst

Fühlt sich Vladimir Burlakov angekommen? Ist der Wahlberliner heute beruflich dort, wo er nach der Schauspielschule in München immer hinwollte? Der Schauspieler will mehr – klar. „Ich hoffe“, sagt er ohne Umschweife, „bald ein ganz tolles Drehbuch auf dem Tisch zu haben – mit einem super Regisseur.“ Dennoch: Es läuft bei ihm. Seinen zweiten „Tatort“ hat er im vergangenen Juni abgedreht, die Arbeiten für den dritten stehen im kommenden Mai an.

Auch er selbst scheint mit seiner Entwicklung zufrieden. Seit er vor circa drei Jahren einen „Fuck-you-all“-Moment hatte, wie er sagt, und begonnen habe, die Meinungen anderer zu hinterfragen, fand er immer mehr zu sich selbst. „Dann kamen auch mehr Angebote.“ Damals hat er angefangen, Coachings zu nehmen, das Buch „Truth“ der US-amerikanischen Schauspieltrainerin Susan Batson zu lesen (seine „Bibel“, wie er das Werk heute bezeichnet) und weniger nach links und rechts zu gucken. „Das ist ganz natürlich, aber bringt gar nichts“, resümiert er, „denn es geht alleine um die Frage: Was kannst du leisten? Alles hat nur mit der Arbeit an dir selbst zu tun.“

Die Zeit davor beschreibt er als eine jahrelange Identitätskrise. Groß, jung, attraktiv und vielleicht durch seinen russischen Hintergrund auch ein wenig exotisch bietet Burlakov der Filmbranche eine perfekte Projektionsfläche. Und wird von allen Seiten kommentiert: „Mach deine Haare anders“, hieß es da vor einem Berlinale-Abend, „lass den Sport sein, du wirst zu muskulös“, tönte es aus einer anderen Richtung. Ein Regisseur sagt ihm, „ich würde gut in die Rolle passen, sehe aber zu gut aus.“ Burlakov erzählt das ohne jegliche Koketterie. Was man ihm aber anmerkt: Er ist der Zuschreibungen überdrüssig.

Was an ihm ist noch russisch?

Die Befreiung von den Projektionen anderer begleitet ihn seit dem Beginn seiner Karriere. Als er 2010 in Dominik Grafs Krimiserie „Im Angesicht des Verbrechens“ den russischen Kleinkriminellen „Nikolai“ spielt, ist er auf „die Russennummer gebucht“. Und nachdem er sich dieses Klischeebilds mühevoll entledigt hat, kämpft er mit anderen Vorstellungen. Er versucht sich anzupassen: „Die Schwierigkeit war: Ich ging zu Castings und versuchte dem zu entsprechen, wovon ich dachte, dass es die anderen von mir sehen wollen.“ So habe er sich von sich selbst entfernt – als Schauspieler wie als Mensch. „Und, dass dann etwas nicht mehr mit der Person stimmt, merken auch die anderen. Aber Ursache und Wirkung wurde verwechselt.“

Burlakovs Erscheinung, seine Aufmerksamkeit, die druckreifen Sätze – alles an ihm wirkt sehr klar und stark. „Guck mal“, ruft der Schauspieler und zeigt auf ein Eichhörnchen, das schnurstracks einen Baumstamm hochjagt und schon wieder aus dem Blickfeld ist. Aber es gibt auch diese kleinen Momente, in denen etwas anderes durchscheint und klar wird, dass in ihm auch etwas Zartes, sehr Feinfühliges wirkt. Ist das seine russische Seele?

Mit neun Jahren flüchtet er mit seiner Mutter, Oma und Zwillingsschwester von Moskau nach München – heute verbindet ihn nur noch wenig mit Russland, das letzte Mal war er vor zehn Jahren dort. Wenn man ihn fragt, was an ihm russisch sei, spricht er lieber von Mentalstrukturen, „die manchen Nationen mehr zuzuschreiben sind, als anderen“. Russisch an ihm seien beispielsweise eine gewisse Durchlässigkeit und die Melancholie: „Wenn es mir nicht gut geht, versuche ich das anzunehmen. Ich finde Traurigkeit, Frust oder etwa Schmerz spannend, weil ich dort etwas entdecken kann. Natürlich dürfen diese Gefühle aber auch nicht überhandnehmen.“

Dazu scheint aktuell keine Sorge zu bestehen. Dass das Filmgeschäft coronabedingt momentan so gut wie stillsteht – geschenkt. Burlakov übt daheim an Rollen, macht viel Sport und liest derweilen „Ein wenig Leben“ von Hanya Hanagihara – einen 1000-Seiten-Schmöker. Wenn es wieder weitergeht, ist er am Start – Licht, Leinwand, Kameras und Stative hat er daheim parat, wenn wieder Einladungen zu E-Castings kommen. „Dann“, sagt er, „werde ich abliefern und mein Bestes geben.“ Er scheint bei sich angekommen. Angekommen, um loszulegen.