Fürstenberg/Havel - Was ist Glück? Tim Lehmann hat darauf eine Antwort. Für ihn ist Glück, vor dem eigenen Bahnhof Kaffee zu trinken und  den Reisenden zuzuschauen. „Ich wollte schon immer  einen Bahnhof haben“, sagt er. Lehmann greift  in die Schale mit den  Johannisbeeren, die neben einem Blumenstrauß  auf dem Tisch steht. „Von meiner Bahnhofsvorsteherbank aus habe ich alles im Blick“, erklärt der 44-Jährige:  die Regionalexpresszüge aus Berlin, Rostock und Stralsund, die Güterzüge, die Fahrgäste – und   den Sonnenuntergang. Doch noch mehr freut  sich Tim Lehmann darüber, dass er Mitstreiter für sein Projekt gefunden hat, das alte Stationsgebäude von Fürstenberg/Havel wieder zu beleben.

Maria Fechner und Michel Bürgel setzen sich zu ihm. Auch die Mieter haben noch eine Adresse in Berlin, auch sie leben  aber inzwischen die meiste Zeit in Fürstenberg, 80 Kilometer nördlich der großen Stadt.  Der Hutmacherin, die in den Opernwerkstätten als Ausstatterin arbeitet, und dem Kaufmann  gehören der Tisch  und die Bank am Gleis 1. Das Paar hat die frühere Fahrkartenausgabe und Gepäckaufgabe gemietet. „Wir frühstücken hier draußen“, sagt der 31-Jährige, „abends sitzen wir  beim Wein“ – und  schauen den Pendlern zu.

Wie in einem Horrorfilm

Anfangs gab es in den alten Diensträumen viel zu tun. Bürgel: „Das Bad sah so aus, als hätte man dort ,Saw‘ gedreht“, eine Horrorfilmreihe mit reichlich Blut. Gekocht wurde auf dem Campingplatz, zum Duschen gingen die beiden zu einer Nachbarin. Sie schabten vier Lagen PVC und Teppich vom Boden, rieben  Graffiti vom Fensterglas. Im  ersten Jahr wohnte das Paar mietfrei.

Jetzt leben sie gern im Bahnhof. Als Nächstes wollen sie eine der beiden Wohnungen im Obergeschoss renovieren, um Gästezimmer einzurichten. „Nachts fahren Güterzüge. Aber die fallen uns kaum noch auf“, sagt die 29-Jährige. „Dadurch, dass wir hier sind, hat sich die Stimmung auf dem Bahnhof verbessert.“

Ungewöhnliche Objekte in der Wartehalle

Heute ist ihre Ex-Mitbewohnerin Amelie Kemmerzehl aus Berlin zu Gast.  Die Bildhauerin, Meisterschülerin an der Kunsthochschule Weißensee, plante die Ausstellung „Wenn ich flüssig wäre“, die bis  zum 24. Juli  in der Halle zu sehen ist.

Wo Reisende warteten, beherrschen  ungewöhnliche Objekte den Raum: ein von Dutzenden Leuchtstoffröhren durchbohrtes Boot,  ein unablässig kreiselnder Kompass. Kemmerzehls Werke: Ausstellungssockel, die durchlöchert oder zu Taschentuchspendern umfunktioniert wurden.

Ein Fahrradladen wollte in den Bahnhof

„Es sind Objekte, die normalerweise nicht beachtet werden“, sagt die 27-Jährige. Wie manches Brandenburger Bahnhofsgebäude, das mangels Nutzung verfällt. Die Bahn war sich lange unschlüssig, was aus den Bauten werden soll. „Ein Fahrradladen wollte hier ’rein“, so Lehmann. „Aber die Bahn wollte nicht. Sie wollte möglichst viele Empfangsgebäude loswerden, Mieter würden dabei stören.“ 1999 schloss die Fahrkartenausgabe, Vandalismus und Graffiti breiteten sich aus. Von der 740 Quadratmeter großen Mietfläche stand ein Drittel leer.

„Und dann machte es plötzlich ,Klick‘“, sagt der promovierte Architekt und Stadtplaner. Es geschah vor vier Jahren. Lehmann hatte gerade von der Stadt Fürstenberg ein Gutshaus gekauft. „Ich saß beim Bürgermeister, und zum Schluss habe ich ihn gefragt: Was ist mit dem Bahnhof los? Er antwortete, dass die Stadt ihn nun kaufen könne, dass sie aber nicht will. Da war mir klar: Das wird mein Bahnhof.“ Er gewann das Bieterverfahren. Für etwas weniger als 100.000 Euro, mit einem Kredit finanziert, kaufte er das Haus. Seit 2015 ist Lehmann der Eigentümer.

Hackbraten für 4,50 Euro

Die bisherigen Mieter durften bleiben, auch Silke Kientopf. Sie wohnt im Obergeschoss und betreibt seit 13 Jahren die Bahnhofsgaststätte „Dampflok“, wie ihr Vater seit 1976. „Früher hatten wir hier viel Industrie, das Möbelwerk, Schiffselektronik, die Mühle, und die Leute kamen mit ihren Lohntüten hierher“, erzählt die Wirtin. Heute gibt es die Betriebe nicht mehr. Nun speisen Handwerker und andere Mittagsgäste im ehemaligen Wartesaal dritter Klasse Hackbraten für 4,50 Euro.

Dass Tim Lehmann einmal Bahnhofseigentümer wird, wurde ihm nicht in die Wiege gelegt. „Ich wuchs in Böblingen bei Stuttgart auf, in einer Familie mit drei Autos.“ Mit 18 erwarb er den Führerschein. Doch sein Verhalten begann sich zu ändern. „Meine Trotzreaktion gegenüber den Eltern war, Zug zu fahren. Und Fahrrad – nach dem Motto: Die Stadt gehört mir. Ich entdeckte ein neues Lebensgefühl.“

Nach dem Studium in Stuttgart und Chicago arbeitete Lehmann 15 Jahre bei der Bahn. Er befasste sich mit vielen Bahnhofsprojekten, wurde dann bei DB International Regionalleiter für Afrika. Seit 2014 ist er beim Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ) in Berlin tätig. Als Nächstes will er mit zwei Mitstreitern das IUM gründen: das Institut für urbane Mobilität.   Der Verkehr bleibt sein Hauptthema – auch politisch. Tim Lehmann ist einer der Radaktivisten, die in Berlin ein Fahrrad-Volksbegehren vorbereiten.

„Ich will Wissenschaft mit Praxis kombinieren“, sagt er. „Der Bahnhof  ist mein Praxisbeispiel, mein Projekt.“  Noch kostet es mehr als es einbringt: „Ich investiere mein Erspartes und Geld von der Bank, das andere  für einen Porsche oder andere Spielzeuge ausgeben.“ Das Managerleben vermisst er nicht: „Flughäfen sind nicht meine Welt. Ich fahre lieber mit dem Rad durch den Wald  nach Hause.“   Tim Lehmann sitzt wieder auf der Bank am Bahnsteigrand. Maria Fechner hat Bowle aus Wacholdersirup und Kräutern gebracht. Das Leben kann schön sein.