Fürstenwerder - Berlin? Wo ist Berlin? Weit weg, hinter dem grauen Horizont. Das große Wimmelbild ist verblasst. Stattdessen erstreckt sich unter den Regenwolken eine weite, wellige Landschaft, in der sich ein paar Dörfer und Tiermastanlagen verlieren. Mit nur einem Fahrgast an Bord arbeitet sich der Bus der Uckermärkischen Verkehrsgesellschaft voran.

Kurz bevor sich der Gedanke aufdrängt, dass es immer so weiter geht, dass sich der Bus im Nebel auflöst, schälen sich Plattenbauten und ein Kirchturm aus dem Nebel. Auf einer Weide läuft ein Esel wie zur Begrüßung zur Straße. „Fürstenwerder, Dorf“, leuchtet auf der Anzeige auf. Vor einem stillgelegten Bahnhof hält der 419er an. Nach zweieinhalb Stunden ist die Reise aus Berlin zu Ende, auf einer Dorfstraße, die genauso leer wie die Landstraße ist.

Fürstenwerder im Nordosten von Brandenburg, an der Grenze zu Mecklenburg-Vorpommern: rund 750 Einwohner, eine Stadtmauer, Stadttore, aber seit 1817 kein Stadtrecht mehr (weil zu klein). Ein alter Dorfkern, zwei Seen, ein Museum namens Heimatstube und eine Buchhandlung. Eine Buchhandlung in einer Gegend, die dünner besiedelt ist als große Teile Schwedens? Genau. Ein Buchladen! Er ist schon mal die erste Besonderheit, oder, wenn man so will, das erste Wunder.

Beat-Club im Hühnerstall

„Kommen Sie ’rein!“, sagt der Buchhändler. Nils Graf hat im Kaminofen Holz nachgelegt und die Kaffeemaschine in Gang gesetzt. Auf einem Tisch liegt „Neue Sezessionistische Heizkörperverkleidungen“, ein Buch des Berliner Autors Thomas Kapielski, das man hier nicht erwarten würde. Graf mag gute Bücher, das wird klar in dem 120 Quadratmeter großen ehemaligen Textilgeschäft. Er ist aus dem Rheinland hierher gezogen, um seiner Zuneigung Raum zu geben. Graf hat sich nicht darum geschert, ob das wirtschaftlich tragfähig ist, aber das Wagnis habe sich gelohnt, sagt der 38-Jährige. Es gibt nicht nur Ungewöhnliches, auch Kochbücher und Krimis. Graf hat die Regale, in dem rund 10 000 gebrauchte und neue Bücher auf Kunden warten, selbst gezimmert. „Das Podium für die Lesungen habe ich ebenfalls gebaut.“

Auch Saša Stanišic las dort schon, der Schriftsteller, dem Fürstenwerder die zweite Besonderheit verdankt: In seinem Roman „Vor dem Fest“ hat er Fürstenwerder (das bei ihm Fürstenfelde heißt) ein Denkmal gesetzt. Nachdem der aus Bosnien stammende Autor im März verdientermaßen den Belletristik-Preis der Leipziger Buchmesse bekommen hatte, wurde das verschlafene Dorf über Nacht ein literarischer Hotspot, über den die Feuilletons verwundert berichteten: Na sowas, die Provinz lebt ja! Mit einem Universum von Geschichten lud Stanisic den Ort tragikomisch auf.

Plötzlich war Fürstenwerder bekannt. „Im Sommer war es hier manchmal so voll, dass ich mich fragte: Was wollen die Leute hier?“ sagt Nils Graf. „Es war ein bisschen viel.“ Noch immer kommen Berliner in seinen Laden, um zu fragen, ob es Immobilien zu kaufen gibt. „Das hat auch mit der Verdrängung zu tun, die sich in Berlin abspielt.“

„Ja, der Saša“, sagt der Bäckermeister. Bevor er am Mittag zu Bett geht, ist Henning Ihlenfeldt wie so oft im Buchladen vorbeigekommen. „Als ich hörte, dass da jemand in meiner Bäckerei steht und ein Buch über Fürstenwerder schreiben will, war ich skeptisch.“ Doch Stanišic ließ sich nicht abbringen. Zwei Wochen wohnte er in der Pension „Alte Molkerei“, stöberte in alten Dokumenten, sprach mit Uckermärkern. Ihlenfeldt hat „Vor dem Fest“ nicht gelesen. Doch er sagt: „Sašas Buch ist gut für uns alle. Einige interessiert es nicht, aber der Großteil findet es gut. Wir profitieren davon. Es bringt Leben nach Fürstenwerder.“

„Sogar ein Literaturwissenschaftler aus der Schweiz war da“, so der 62-Jährige. Doch überlaufen sei der Ort bis heute nicht: „Es gibt nur 80 Betten.“ Ihlenfeldt, dessen Vorfahren die Bäckerei 1890 gegründet haben, ist ein Machertyp, aktiv in der Heimatstube und im Tourismusverein. Als Jugendlicher war er 1966 Mitgründer eines „Beat-Clubs“ in Fürstenwerder. „Wir wollten Musik hören und uns mit Mädchen treffen.“ Sie schafften es, die Erlaubnis zu bekommen, einen alten LPG-Hühnerstall auszubauen. Der Schriftsteller habe auch diese Geschichte aufgeschrieben, „das Kapitel wurde aber nicht veröffentlicht“.

Der Bäckermeister entspricht ganz und gar nicht dem Klischee, dass Brandenburger keine Fremde mögen. Auswärtige, die sich ansiedeln, und Touristen „beleben diese Region, das ist nur zu unserem Vorteil“, sagt er. Neuzugänge werden gebraucht, denn immer noch ziehen Menschen weg. In Fürstenwerder ist einiges verloren gegangen: „Früher gab es zwei Bahnhöfe, eine Molkerei, eine Ziegelei, dazu zehn Gaststätten, heute nur noch eine.“

Nils Graf ist einer der Menschen, die von weither gekommen – und geblieben sind. Graf hat in Aachen gelernt. In drei Jahren gab es nur ein paar Tage Urlaub. Um über die Runden zu kommen, jobbte Graf in einer Kneipe. Doch die Arbeit war es ihm wert, denn er wusste: Das war sein Beruf. „Ich wollte eine eigene Buchhandlung aufmachen. Aber in Aachen waren die Mieten viel zu hoch.“ Komm’ erst mal zu uns, sagten Ost-Berliner Freunde, die nach Mecklenburg gezogen waren. Graf kam – mit einem Lkw voller Bücher.

„Was für ein gruseliges Nest!“

Erst machte er, nicht viel älter als 20 Jahre, in Feldberg ein Antiquariat auf, doch das Geschäft lief schlecht, und die Verwaltung schien Gewerbetreibende nicht besonders zu mögen. Ein Neuanfang war fällig, als antiquarischer Großhändler. Nur wo? „Jeden Morgen fuhr ich durch Fürstenwerder, und anfangs dachte ich: Was für ein gruseliges Nest! Doch je länger ich den Ort kannte, desto schöner wurde er in meinen Augen. Die Lage an den Seen mit einer Badestelle mitten im Ort! Die Ackerbürgerhäuser!“ Graf zog in ein altes Haus. Und siehe da, auch Amtspersonen waren freundlicher. „Plötzlich stand der Ortsvorsteher da und sagte: Wenn Du Hilfe brauchst, sag’ Bescheid. Vom ersten Tag an war die Stimmung gut.“ Graf blieb, und er hat es nicht bereut.

Noch heute erwirbt er Buchbestände und verkauft sie (meist in Berlin) weiter. Der Laden ist nicht die wichtigste Einnahmequelle. Trotzdem pflegt Graf ihn, denn er ist die Erfüllung seines Traums. „Ich mag die Wohnzimmeratmosphäre“, sagt Graf. Und er hat Platz für Lesungen, Ausstellungen, Filmvorführungen. Weil es kaum andere Geschäfte gibt, ist Grafs Laden umso wichtiger als Treffpunkt. Und sei es nur zum Kaffeetrinken: „Als an der Straße gebaut wurde, hatten die Arbeiter weder Klo noch Bauwagen. Ich habe sie eingeladen und ihnen jeden Morgen Kaffee hingestellt.“

Wieder geht die Tür auf. Die Kita „Frechdachse“ wünscht frohe Weihnachten und bedankt sich für eine Buchspende, ein Mädchen muss auf die Toilette. Und ein Junge winkt zu Ihlenfeldt herüber: „Hallo, Opa!“

„Ich bleibe hier“, sagt Nils Graf. Henning Ihlenfeldt lächelt still. Dann geht der Bäcker schlafen. Es ist Mittag in Fürstenwerder.