Die Detonationen vom 13. November 2015 am Stade de France in Paris waren das fatale Startsignal zu einer veränderten Wahrnehmung sportlicher Großereignisse. Obwohl die Killergarde des Islamischen Staates ihr eigentliches Ziel einer maximalen Verwüstung vor laufender Kamera verfehlte, hat sie doch das öffentliche Bewusstsein so sehr erschüttert, dass seither ein Alpdruck auf der Vorfreude zu der am Freitag beginnenden Fußball-Europameisterschaft lastet.

Keine Erfindung des IS

Die terroristische Bedrohung von Sportveranstaltungen ist keine Erfindung des IS. Der Überfall  auf die israelische Olympiamannschaft durch palästinensische Terroristen bei den Münchner Spielen von 1972 ist ein Schicksalsdatum der damals noch jungen bundesrepublikanischen Geschichte. Aber dass der Terror frei von einer klar formulierten politischen Botschaft jederzeit und überall, wo sich Sportfans zum gemeinschaftlichen Zuschauen versammeln, seine Zerstörungskraft zu entfalten droht, ist eine neue Dimension in einer Welt, in der man sich daran gewöhnen muss, mit omnipotenten Gewaltphantasmen anderer zu leben.

Der mögliche Terror  ist nicht die einzige Krisenerzählung, die auch nach einer schadlos verlaufenen Eröffnungspartie zwischen Frankreich und Rumänien in zahlreichen Kapiteln fortgesetzt werden wird. Während Welt- und Europameistermeisterschaften gern als Katalysatoren nationaler Identitätsbildungen betrachtet werden, sind nun lauter Paarungen angesetzt, auf die erhebliche Flieh- und Zersetzungskräfte einwirken.

Sportliche Wettkämpfe waren nie frei von Politik

Natürlich waren sportliche Wettkämpfe nie frei von einer sich zuspitzenden politischen Dramatik. Legendär ist in diesem Zusammenhang der Sieg der tschechoslowakischen Eishockeymannschaft über die UdSSR bei der Weltmeisterschaft 1969, nur wenige Monate nach dem Einmarsch der Sowjetarmee in Prag. Fast jede Bewegung des schnellen Pucks auf dem Eis wurde damals auch als politische Botschaft ausgedeutet.

Mit dem Lesen und Interpretieren von Zeichen wird man diesmal aber kaum hinterherkommen. Die bevorstehenden Spiele finden nunmehr  in einem bis zum Bersten  aufgeladenen Spannungsfeld vielfältiger Konflikte statt. Dass  Russland und die Ukraine sich noch immer in einer kaum offen erklärten kriegerischen Auseinandersetzung befinden, ist da nur ein Nebenschauplatz einer EM, auf der sich Europa nicht emphatisch feiert, sondern vielmehr fürchten muss, ein letztes Mal auf sportlichem Weg einen Meister im Namen der politischen Gemeinschaft zu ermitteln.

Die politische Idee hinter Europa hat gelitten

Alle wollen den Titel, aber auf die politische Idee, die der Veranstaltung den Namen gibt, ist kaum noch jemand bereit, eine nennenswerte Sportwette abzugeben.
Es ist schon mehr als kurios, dass die junge englische Mannschaft, die gute Chancen hat, bei dieser EM das etwas angestaubte Image des Inselfußballs auf dem Spielfeld aufzupolieren, während die Fans und Wähler im eigenen Land danach trachten, dem europäischen Gedanken eine desaströse Niederlage beizubringen.

Für die Türkei wiederum waren Teilnahmen bei Europameisterschaften immer eine ganz besondere Plattform, in Gestalt fußballerischer Leidenschaft die Zugehörigkeit zum Kontinent unter Beweis zu stellen. Unter dem Regime ihres nach Allmacht strebenden Präsidenten Erdogan scheint das  Projekt einer türkischen Europazugehörigkeit nachhaltig disqualifiziert. Da hilft auch kein Weiterkommen in der Vorrunde.

Zu den schlechten Sternen, unter denen sich die Globalisierungselite fußballspielender junger Menschen versammelt, gesellen sich zu allem Unglück auch die Sportverbände Uefa und Fifa, die in Korruption versinken und nicht einmal eine Garantie dafür abgeben können, die große, von ihnen verwaltete Turniertradition noch eine Weile fortzusetzen.

Soll man sich also allen Ernstes auf das freuen, was uns da in den kommenden Wochen geboten wird, wenn zumindest der terroristische Angriff  abgewehrt werden kann? Ein vorsichtiges Ja ist geboten. Der Berliner Philosoph  Gunter Gebauer glaubt jedenfalls noch immer fest an die Kraft des Fußballs und seiner Rituale, die in die Gesellschaft hineinwirken. Während die Politik seit einiger Zeit vergleichsweise erfolglos damit befasst ist, ihre – wie Gebauer es nennt – Repräsentationsdefizite zu bearbeiten, verblüfft der Fußball doch immer wieder durch den entscheidenden Pass in die Tiefe des Raumes. Wichtig ist am Ende nicht die ethnische Herkunft des Berliners Jérôme Boateng, sondern seine Begabung zur Spieleröffnung.