Berlin - Der Weg aus Neukölln in den Wedding führt an einem riesigen Wandbild vorbei. Von einer Brandmauer beim U-Bahnhof Pankstraße schauen drei Männergesichter in Grau-Weiß – die Brüder Boateng. George und Kevin sind tatsächlich in dieser Gegend aufgewachsen, bei ihnen hat auch ihr Halbbruder Jérôme das Fußballspielen gelernt. Auf demselben drahtumzäunten Berliner Bolzplatz, 30 Meter lang, 15 Meter breit, treten heute Fünft- und Sechstklässler der Rixdorfer Grundschule gegen eine Mannschaft aus Wedding an.

Aber erst einmal hören sie zu, wie zwei Autoren ihre Buchreihe „Die Fußball-Haie“ vorstellen, im prächtigen Puttensaal der Bibliothek am Luisenbad mit riesigen Holztüren und fetten Gold-Engeln. Andreas Schlüter und Irene Margil lassen ihren zehn Jahre alten Helden auf den FC-Bayern-München-Spieler Jérôme Boateng treffen. Sie lesen eine halbe Stunde lang. Die Kinder sind ruhig, nur einmal ertönt ein lautes Gähnen.

Danach wuselt es im Raum wie im Meerschweinchenkäfig: Die Kinder bekommen bunte Trikots, außerdem Kisten mit Getränkeflaschen und Snacks. Sechs Mannschaften gehen hinunter zum Fußballplatz. Immer zwei von ihnen werden gegeneinander spielen, die anderen jonglieren auf der Wiese davor mit Bällen, rennen, hüpfen. Sechs Mannschaften bleiben im Haus, sie werden Scharade spielen, an anderen Stationen Quizaufgaben lösen oder an einem Tisch mit den Buchautoren sitzen. Es klingt nicht schüchtern, wenn reihum Kinder fragen: „Spielst du selbst Fußball?“, „Was ist deine Lieblingsmannschaft?“, „Tut dir manchmal die Hand weh vom Schreiben?“.

Graffito an der Wand

In schönster Frühlingssonne steht Fabian Heinl auf dem Platz und erklärt unermüdlich die Regeln: „Das ist Straßenfußball, hier gibt es kein Aus.“ Heinl kennt die Mehrzahl der Kinder aus Neukölln. Der 35-jährige Streetworker ist Berliner Projektleiter von „Fußball trifft Kultur“, einem von der Frankfurter Buchmesse initiierten Programm. Zweimal pro Woche hat er zwei ältliche, schwach beleuchtete Turnhallen der Rixdorfer Grundschule für je eine Gruppe aus den 5. und 6. Klassen zur Verfügung. Er besetzt die eine, sein Kollege Zejlko Ristic die andere. Zu Beginn des Trainings werden die Gruppen noch einmal geteilt: Wer nicht Fußball spielt, geht zuerst in ein Klassenzimmer, in dem ein schnittiges Graffito an der Wand und Fußball-Bücher in den Regalen vom thematischen Schwerpunkt künden. Hier unterrichten Nina Kirschner und Martin Magassa Deutsch. Denn das ist nun einmal das Prinzip des Projekts: Es werden immer Kopf und Körper trainiert.

In den Räumen, in denen Kirschner und Magassa mit den Kindern arbeiten, hängen zwischen bunten Frühlingsbildern und Fragebögen an der Wand auch Ernährungspyramiden, von den Kindern selbst gemalt. „Da sind schon einige dabei, denen man erst einmal erklären muss, was gesund ist und was nicht“, sagt Heinl. Er kommt immer mit belegten Brötchen für alle zum Training. Nina Kirschner bringt Arbeitsblätter mit Bildern und Lückentexten mit. Mal lässt sie Rollenspiele einüben, mal schickt sie die Jungen und Mädchen paarweise von Tisch zu Tisch. Der Unterricht in Hör- und Leseverständnis, in Wortschatz und Grammatik soll nachmittagsmüde, unruhige Kinder noch interessieren, das sei nicht eben leicht. Vielleicht wirkt sie deshalb so besonders munter, wenn sie beim Verteilen der Blätter ankündigt: „Bei den Nomen wünsche ich mir, dass ihr die Artikel dazuschreibt.“ Der, die, das sind nicht in allen Muttersprachen der Kinder vorgesehen.

Verben find' ich gut

Manche dieser Aufgaben tauchen bei ihrem Spiel in der Bibliothek im Wedding wieder auf. Momo lässt sich von Nina Kirschner ein Kärtchen zeigen. Prompt wirft er sich auf den Boden. „Fallen!“ rufen gleich zwei Kinder, die vor ihm sitzen. Der nächste springt auf, liest kurz etwas und wedelt mit einem Fuß. „Elfmeter!“, „Schießen!“, „Passen!“ schallt es ihm entgegen. Das letzte Wort ist richtig, Kirschner notiert einen Punkt. Es geht darum, möglichst schnell möglichst viele Punkte zu bekommen. Alles dreht sich um Fußball. Danach gilt es, Verben in Sätzen zu finden, deren Grundform zu benennen und sie in Präsens und Präteritum zu konjugieren. „Verben find’ ich gut“, entfährt es Can im Wettbewerbseifer.

Ähnlich viel Spaß an Sprache könnten in diesen Tagen auch Kinder in Frankfurt am Main, Hamburg, Stuttgart, Gelsenkirchen, Nürnberg oder im oberbayerischen Neuötting haben. Überall da, wo es „Fußball trifft Kultur“ gibt. Begonnen hat alles 2006, als die Frankfurter Buchmesse die Initiative LitCam ins Leben rief. Sie soll als internationales Bildungsprogramm Lesen, Schreiben, Rechnen und den Umgang mit digitalen Medien fördern. Während in mehreren Ländern überhaupt erst Alphabetisierung auf dem Plan steht, werden in deutschen Städten Kinder unterstützt, in deren Familien nicht Deutsch gesprochen wird oder andere Sorgen als die Bildung der Kinder vorherrschen. 2007 nahm die erste Schule in Frankfurt am Main „Fußball trifft Kultur“ ins Programm. Berlin folgte im Jahr darauf mit der Rixdorfer Grundschule, zeitweise gehören auch Schüler vom Campus Rütli dazu.

Kumpelhaftigkeit und Autorität

Das Prinzip ist überall gleich: Die Kinder erhalten zweimal wöchentlich sowohl Fußballtraining als auch Förderunterricht. Sie gehen auch zusammen ins Theater, ins Museum, erproben sich in Kunstwerkstätten. Neuerdings ist auch die Bundesliga-Stiftung Partner von „Fußball trifft Kultur“, die LitCam verweist auf regionale Vereine, die das hintersinnige Training unterstützen. Die Namensliste klingt toll, Eintracht Frankfurt ist zum Beispiel dabei, der VfB Stuttgart und Hertha BSC Berlin. Doch wie so oft hängt es am Engagement Einzelner.

Zejlko Ristic zögert eine Weile mit der Antwort, als er erklären soll, wie Hertha in Berlin das Projekt unterstützt. Er war mehrere Jahre Jugendtrainer bei dem Bundesligisten und insofern das Bindeglied zur Mannschaft. Da konnten die Neuköllner Kinder schon mal im Olympiastadion trainieren. Jetzt hat Ristic einen anderen Verein, den Berliner SC, und er sagt, wenn er den Fan-Beauftragten von Hertha anrufen würde, könnte er bestimmt etwas arrangieren. Klar, Ristic hat ja auch die Trikots für den heutigen Tag besorgt; er fragte einfach bei Nike an, ob die nicht das Turnier sponsern wollen, bekam die Shirts. Das alles ging so schnell, dass es für einheitliche Mannschaftsfarben nicht reichte.

Zejlko Ristic ist so ein Typ, dem man alles glauben möchte und der einen zugleich zum Zweifeln bringt. Die Kinder hängen an seinen Lippen und schießen begeistert zurück, wenn er ihnen einen Ball zupasst. Wenn er einen Auftrag vergibt und ihm „Warum ich?“ entgegnet wird, sagt er eiskalt: „Weil ich dich nicht leiden kann.“ Mit seiner speziellen Mischung aus Kumpelhaftigkeit und Autorität kommt er gut an bei den Neun- bis Elfjährigen. Und er mag sie. Zu jedem kann er etwas erzählen: „Sie ist so clever, viel geschickter als ihr Bruder“, sagt er. Oder: „Er guckt immer, ob Erwachsene ihn beobachten, hat es nicht leicht zu Hause, braucht viel Aufmerksamkeit.“ Auch: „Wie er immer aufpasst, dass die anderen mitkommen! Der ist bestimmt ein Kandidat für ein Stipendium.“

Stipendium und Schienbeinschoner

Seit einem Jahr gibt es für Berliner „Fußball trifft Kultur“-Kinder auch Stipendien. Die Erwachsenen beobachteten nämlich, dass nach den zwei Jahren im Programm für manche Teilnehmer etwas wie eine Leere entstand. Die kamen dann an ihre alte Grundschule zurück, um beim Training mitzuhelfen, um bei Turnieren Schiedsrichter zu sein. Doch wirklich Kontakt zu halten, ist für Kinder in diesem Alter schwierig. Daraus entstand die Idee, den Mitgliedsbeitrag für einen Fußballverein zu übernehmen, Ausflüge zu finanzieren – einem Mädchen wird jetzt sogar der Geigenlehrer bezahlt. Das ist wie ein Patenprogramm, das Geld kommt von der S.-Fischer-Stiftung, dem Berliner Partner der Initiative. Wer was bekommt, darüber wird im Team entschieden, so wie sich überhaupt die beiden Lehrer und die beiden Trainer regelmäßig zu Arbeitsgesprächen treffen. Sie haben das Programm für den Tag im Wedding gemeinsam erarbeitet, betreuen die Facebook-Seite, laden Fotos von Turnieren und Ausflügen hoch, schreiben Rätsel dazu. Das Projekt ist für sie alle Teil ihres Lebens geworden.

Doch eigentlich müssten noch viel mehr Schüler beteiligt werden. Nicht nur in Neukölln leben Kinder mit Sprachproblemen. Fast zwanzig Prozent der 15-Jährigen in Deutschland können nicht ausreichend lesen und schreiben, argumentiert die LitCam. In Frankfurt am Main sind schon fünf Schulen bei „Fußball trifft Kultur“; vier finanziert ein Wirtschafts-Verein, eine weitere das Hessische Ministerium des Innern und für Sport.

Freundinnen beim Fußball

„Wir fragen am Schuljahresanfang, wer Lust hat mitzumachen“, sagt Heinl, „mittlerweile kennen uns die Lehrer so gut, dass sie Empfehlungen geben. Es kommt ja nicht darauf an, gut Fußball zu spielen.“ Dennoch melden sich vor allem Jungs. Auf der Wiese neben der Bibliothek am Luisenbad fällt ein dünnes Mädchen mit langen dunkelblonden Locken auf zwischen den kräftigeren und größeren Jungen. Emine heißt sie, ist erst neun Jahre alt – und geht in die 4. Klasse. „Ich glaube, die haben mich gefragt, weil sie Mädchen brauchten“, sagt sie. „Dann habe ich es probiert. Jetzt spiele ich immer mit. Ich habe auch Freundinnen hier beim Fußball.“ Sind die Jungs nicht zu brutal? „Ja, manchmal schießen sie so harte Bälle.“ Aber Emine trägt Schienbeinschoner.

Wie auch Sofjan, dessen Familie aus Mazedonien stammt, Zejlko Ristic weist extra darauf hin, wie geschickt der Junge spielt. Nervt Sofjan das nicht, dass er Fußball nur zusammen mit Deutsch bekomme? „Nein!“, antwortet der Elfjährige schnell und ernst, „das macht ja auch Spaß. Und in ‚Gespräche führen‘ bin ich schon viel besser geworden, sagt mein Lehrer.“ Hamid, 12 Jahre alt, ist mit seiner Familie vor zweieinhalb Jahren aus Afghanistan gekommen, aus Herat, einem Ort, den man in Europa aus den Nachrichten kennt. „Da waren die Taliban, aber die sind jetzt in Pakistan“, sagt er. „Vielleicht fahren wir im Sommer hin. Ich habe noch Onkel dort.“ In seiner Familie spricht er jetzt am besten Deutsch.

Vom 23. bis 25. Mai fährt er mit den anderen zum nationalen „Fußball trifft Kultur“-Turnier. Die Begegnung der mittlerweile 350 Kinder wird jedes Jahr in einer anderen Stadt ausgerichtet. Letztes Jahr war es Stuttgart, diesmal trifft man sich in Hamburg. Vermutlich kennt Hamid in seiner Familie nicht nur Berlin am besten, sondern sogar Deutschland.