Das Spiel Ajax Amsterdam gegen FC Union Berlin am 29. August.
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BerlinSie haben es hier vielleicht nicht mitbekommen, aber Fußballfans in Amsterdam befinden sich seit nunmehr zwei Wochenenden im Berlinfieber. Das weiß ich vom Hörensagen, denn als schwuler Mann in der heutigen Zeit halte ich sowohl zu Fußballfans als auch zu jeglichen Arten von Fieber auch mal gern mehr als anderthalb Meter Abstand. Jedenfalls spielten erst Hertha BSC Berlin und am vergangenen Wochenende Union Berlin in freundschaftlicher Absicht gegen Ajax Amsterdam – das für Holland das ist, was Real Madrid für Spanien, Benfica Lissabon für Portugal oder Rapid Wien für Österreich: der erfolgreichste Fußballverein seines Landes, dazu noch aus der Hauptstadt, die sich ja per Definition nicht mit einem zweiten Platz zufrieden gibt.

Alternativlos ist Amsterdam als Fußballhauptstadt übrigens nicht: PSV Eindhoven ist sportlich ähnlich erfolgreich wie Ajax und in Rotterdam gibt es gleich drei Fußballvereine, die regelmäßig erstklassig spielen. Die Eredivisie der Frauen wird von Enschede aus regiert. In der Frage um die deutsche Fußballhauptstadt stünden die besten und meisten Argumente wohl in einem schmucken Münchner Trophäenschrank, während hiesige Pokale entweder vor dem Krieg, in der Oberliga der DDR oder von den Spielerinnen von Turbine Potsdam gewonnen wurden.

„Wieso ist Berlin eigentlich so eine fußballerische Steppenlandschaft?“, fragte mich mein Freund Siemen am letzten Wochenende. Als geborener und stolzer Amsterdamer und fanatischer „Ajacied“, also Anhänger der vereinseigenen Glaubensrichtung, bringt Siemen durchaus selbst eine gewisse Expertise für die Themenkomplexe Fußball und Hauptstadtarroganz mit. Und ich gebe zu, dass Hertha BSC und Union Berlin tatsächlich nicht den internationalen Glamour ausstrahlen, den ich so oft in niederländischen Augen blitzen sehe, wenn es um Berlins Paradedisziplinen geht: Restaurantpreise, die Berliner Kunstszene oder schwullesbisches Nachtleben. Unter Niederländern sind Leverkusen, Wolfsburg und Hoffenheim inzwischen geläufige Ortsnamen, während Berlin eher provinziell anmutet: In der nächsten Saison nimmt keine Berliner Mannschaft an einem europäischen Wettbewerb teil.

Für meine wenig fußballbegeisterten Berliner Freunde hat die Liebe zu einem Fußballverein schnell einen Beigeschmack von Heimattümelei. Logisch, wer sich als Kosmopolit und Bewohner einer Weltstadt begreift, der kann seine Zuneigung nicht nach geografischen Gesichtspunkten verteilen. Aber muss Berlin in jeder Hinsicht mondän sein? Ist es nicht zum Beispiel eine Kulturleistung Bayerns, alljährlich Dirndl, Lederhosen, Bierzeltgarnitur und Oktoberfest als lustig-besoffenen „Bavarian Way of Life“ zu etablieren? Auf eine Art rührt mich auch die unerschütterliche Verbundenheit, die Hardcore-Fans von Schalke oder Borussia Dortmund gegenüber ihrem Verein fühlen. Der echte Ruhrpott-Lifestyle geht eben nicht ohne Saisondauerkarte und Auswärtsspiel-Reisegruppe.

In Berlin wäre es mir allerdings auch etwas banal vorgekommen, ausgerechnet einen Fußballverein als identitätsstiftenden Aspekt der Stadt auszuwählen. Von der Drag Queen über den Hausbesetzer und den Techno-Raver bis hin zur Prenzlmutti bietet die Stadt doch jedem Sinnsuchenden traditionell ein Potpourri der möglichen Lebensentwürfe. Und mal ganz ehrlich: Welche Stadt braucht schon Trophäen, wenn sie Tunten, Tanz und Techno hat?