Am kommenden Sonnabend geht es für den Berliner Fußballklub Lichtenberg 47 wieder um wichtige Punkte in der Oberliga. In seinem nach Hans Zoschke, einem von den Nazis hingerichteten Widerstandskämpfer, benannten Stadion an der Normannenstraße empfängt das Team die Mannschaft von Neustrelitz. Für die Lichtenberger ein wichtiges Spiel – wollen sie doch ihren Spitzenplatz in der Tabelle verteidigen, um im Sommer das große Saisonziel zu erreichen: den Aufstieg in Deutschlands vierthöchste Spielklasse, die Regionalliga.

Doch das ist Zukunftsmusik. Ab Mittwoch kann man erstmal einen Blick in die Vergangenheit des vor 72 Jahren gegründeten Fußballklubs werfen. Im Stasi-Museum auf dem Gelände der einstigen Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) an der Lichtenberger Ruschestraße öffnet die Ausstellung „Fußball im Hinterhof der Stasi“. Sie dokumentiert die Geschichte des Vereins Lichtenberg 47 und seines Stadions, das sich vier Jahrzehnte lang gegen alle Begehrlichkeiten des Mielke-Ministeriums behaupten konnte. Zur Ausstellungseröffnung um 17 Uhr läuft ein Dokumentarfilm über den Verein, den der Journalist und Historiker Christian Booß produziert hat.

Spieler mit Lebensmitteln gelockt

1947 war der Klub als einer der ersten neuen Sportvereine nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet worden. Ulli Brodtke, der zur Alte-Herren-Mannschaft von Lichtenberg 47 gehört, kennt alle Geschichten seines Klubs, denn er ist genauso alt wie der Verein. In seinem Geburtsjahr hatte sein Vater, ein alter Sozialdemokrat, den Klub in dem Arbeiterbezirk mitgegründet, er war auch dessen erster Vorsitzender. „Er arbeitete damals als Betriebsleiter beim Konsum“, erzählt Brodtke in Booß‘ Film. „Und wenn der Verein gute Spieler holen oder eigene halten wollte, wurden die von meinem Vater mit feinen Anzugstoffen und Lebensmitteln gelockt.“

In den ersten Jahren spielte der Klub noch auf einem Schotterplatz. Dann kam Anfang der 1950er-Jahre der Plan auf, die Gegend um Normannenstraße und Roedeliusplatz zum neuen Zentrum Lichtenbergs zu entwickeln. Die Sportanlage wurde zum zweitgrößten Fußballstadion Ostberlins ausgebaut. Tausende Zuschauer kamen nun zu den Spielen des Klubs.

Ein kleines, abgeschottetes Stasi-Städtchen

Doch der Plan von Lichtenbergs neuer Mitte wurde bald wieder zu den Akten gelegt. Denn das 1950 gegründete und anfangs im einstigen Finanzamt zwischen Frankfurter Allee und Ruschestraße angesiedelte MfS beanspruchte in den folgenden Jahren zunehmend Platz im Kiez, weil Minister Erich Mielke die operativen Diensteinheiten seines Geheimdienstes in Lichtenberg zentralisieren wollte. Zuerst mussten daher die Kleingärten an der Normannenstraße weichen, dann wurde der Komplex der Stasi-Zentrale immer mehr ausgeweitet.

In den 1970er- und 1980er-Jahren entstanden gewaltige Büroneubauten im Areal Frankfurter Allee/Rusche-/Gotlinde- und Magdalenenstraße. Die Normannenstraße wurde zwischen Rusche- und Magdalenenstraße für den Autoverkehr gesperrt, nur ein schmaler Bürgersteig blieb offen. Ein kleines, abgeschottetes Stasi-Städtchen war in Lichtenberg entstanden – nur mittendrin gab es noch einen öffentlichen Ort: das Hans-Zoschke-Stadion von Lichtenberg 47.

Der Verein aus dem Arbeiterbezirk war SED und Stasi immer ein Dorn im Auge. Galt der Klub unter Funktionären doch als „bourgeois“, weil er bis 1970 der einzige private Sportverein in der DDR war. Während andere Klubs den bewaffneten Organen sowie großen Betrieben und Kombinaten angeschlossen waren oder zumindest vom staatlichen Komitee für Körperkultur und Sport finanziell gefördert wurden, waren es in Lichtenberg Handwerker und private Kleinunternehmer, die den 47er-Verein mit Spenden am Leben hielten. Die SED-Kreisleitung von Lichtenberg glaubte daher auch bei den Vereinsmitgliedern „große Unklarheiten“ in ihrer Haltung zur sozialistischen Gesellschaftsordnung auszumachen.

Baupläne des MfS

1970 wurde der Druck zu groß, der bis dahin private Verein musste sich als Betriebssportgruppe dem Lichtenberger Großbetrieb VEB Elektroapparatebau anschließen. Fortan firmierte der Klub als EAB Lichtenberg 47. Immerhin spielte er in der Liga mit, der zweithöchsten Spielklasse im DDR-Fußball.

Die Stasi behielt dennoch einen misstrauischen Blick auf ihren ungeliebten Nachbarn und protokollierte in ihren Wachbüchern penibel jede Aktivität auf dem Sportplatz. Gleichzeitig gab Minister Mielke nie seine Pläne auf, das Areal, das wie ein Stachel im Fleisch der Stasi-Zentrale wirkte, einzukassieren. Im MfS-Archiv kann man Baupläne aus den 1980er-Jahren besichtigen, wonach in dem Stadion Sport- und Schießanlagen für die Körperertüchtigung der eigenen Leute geschaffen werden sollten. Aber das Vorhaben scheiterte zunächst unter anderem daran, dass das MfS keine Ersatzsportanlage für Lichtenberg 47 aus dem Hut zaubern konnte.

Als man schließlich doch noch ein geeignetes Grundstück in Malchow am nordöstlichen Stadtrand fand, war es zu spät. Die Wende in der DDR und das Ende der Stasi kamen dem Vorhaben zuvor. Der heute wieder als Privatverein agierende Klub Lichtenberg 47 hatte die DDR überlebt.