Schon Stunden vor dem erwarteten Fußballspiel war Köpenick im Ausnahmezustand. Zahlreiche Polizeiautos standen am Sonntagvormittag auf den Straßen, die Staßenbahn wurde unterbrochen, Autos umgeleitet. Und das nur, weil zwei Viertligisten gegeneinander Fußball spielten: der 1. FC Union II und der BFC. Seit DDR-Zeiten hassen sich die Fans beider Mannschaften zutiefst. Aus polizeilicher Sicht sind Begegnungen beider Mannschaften stets problematisch – zu Recht, wie sich zeigen sollte:

Einem internen Polizeibericht zufolge waren mehr als 8.100 Fußballzuschauer in die Alte Försterei angereist, die meisten wollten einfach nur friedlich das Spiel verfolgen. Allerdings waren unter den Fans nach Einschätzung der Polizei auch 770 registrierte Gewalttäter aus dem BFC- und 330 bekannte Gewalttäter aus dem Union-Umfeld.

Etwa 900 Fans vom BFC Dynamo, darunter ein Großteil der Problemfans, waren am Vormittag über den S-Bahnhof Spindlersfeld angereist, um sich für einen Fanmarsch zu sammeln. Zur gleichen Zeit sammelten an der Wuhlheide laut Polizei rund 110 Problemfans von Union in direkter Nähe zur Marschstrecke der gegnerischen Fans. Die Unioner hatten sich zum Teil vermummt. Polizisten drängten diese Gruppe zurück und nahm sie in Gewahrsam.

Bereits aus dem BFC-Fanmarsch zum Stadion flogen laut Polizei zahlreiche Böller. Kurz nach 12 Uhr überkletterten etwa 100 vermummte Personen Zäune im Bereich der Union-Geschäftsstelle An der Wuhlheide, um an den BFC-Fanmarsch heran zu kommen. Polizisten drängten sie zurück. Gegen 13.30 Uhr bedrängten dann BFC-Fans – darunter viele aus dem Umfeld des Rockerclubs Hells Angels – die eingesetzten Ordner des Stadions. Etwa 40 von ihnen verschafften sich unberechtigt Zutritt zum Stadion.

Schiedsrichter unterbricht Spiel

Gegen Ende der 2. Halbzeit versuchten rund 300 zum Teil vermummte Union-Fans, in den Gästeblock zu gelangen. Ordner und Polizisten drängten sie zurück. Die Polizisten setzten Schlagstöcke und Pfefferspray ein. Immer wieder wurde während des Spiels Pyrotechnik gezündet. Gegen 15.10 Uhr versuchten die Gästefans den Zaun zum Spielfeld zu übersteigen, Ordner und Polizeikräfte verhinderten dies.

Im Gästefanblock wurden laut Polizeibericht zahlreiche Sitzschalen aus den Verankerungen gerissen und in Richtung Spielfeld geworfen. Weiterhin warfen die Gästefans gefüllte Plastikbecher in Richtung Spielfeld. BFC-Fanbeauftraggter Rainer Lüdtke weist die Darstellung der Polizei zurück. "Nicht eine Sitzschale wurde von unseren Fans Richtung Spielfeld geworfen.Sitzschalen sind zwar defekt gegangen, beim Torjubel durch unsere Fans. Sie wurden anschließend dem Ordnerdienst rübergereicht." Als Unionfans versuchten, über die Haupttribüne den Gästeblock zu stürmen, unterbrach der Schiedsrichter das Spiel.

Als sich das Stadion leerte, griffen laut Polizei Gästefans die Beamten an: mit Faustschlägen, Stein- und Flaschenwürfen, durch das Entleeren eines Feuerlöschers in Richtung der Beamten. Mehrere Polizisten wurden dabei verletzt. Eine Beamtin der 22. Einsatzhundertschaft musste ambulant in einem Krankenhaus behandelt werden. Bei dem Angriff wurde ihr die Videokamera entrissen, die später durch Kollegen wiedergefunden wurde.

Im Wuhlewanderweg durchbrach eine 40 bis 60 köpfige Personengruppe des BFC einen Sperrriegel der Polizei. Die Randalierer griffen die Beamten unter anderem mit Verkehrsschildern an. Rainer Lüdtke: "Sowohl bei der Besprechung vor dem Spiel als auch bei der Halbzeitpause wurde von allen Polizeiführern bestätigt, dass man bis dahin nichts Negatives über die BFC-Fans sagen kann."

Mit dem Abmarsch der Gästefans in Richtung S-Bahnhof Spindlersfeld versuchten Union-Fans, den Zaun an der Geschäftsstelle zu übersteigen, was durch die Polizei unterbunden wurde. Lüdtke kritisierte das seiner Meinung nach unverhältnismäßig rabiate Vorgehen der Polizei.

Die Polizei nahm insgesamt 175 Fußballfans fest. Sie leitete zahlreiche Ermittlungsverfahren ein, darunter wegen Landfriedensbruchs, Gefangenenbefreiung und Körperverletzung. Am Dienstag äußerte sich Berlins Innensenator Frank Henkel zu dem Vorfall: „Das war purer Hass, und das war Lust auf Gewalt.“ Er hoffe sehr, dass die Ausschreitungen juristische Konsequenzen haben, betonte der auch für Sport zuständige Senator.

Kritik an Informationspolitik der Polizei

„Die Randalierer haben sich wie tollwütige Tiere gebärdet“, sagte Steve Feldmann von der Gewerkschaft der Polizei, der zugleich die Informationspolitik der Behörde kritisierte: „Zu jeder Banalität gibt die Polizei eine Pressemeldung heraus. Aber wenn 112 Polizisten zum Teil schwer verletzt werden, ist ihr das keinen Dreizeiler wert. Auch der Innensenator stellt sich nicht schützend vor seine Beamten.“ Erst am späten Montagnachmittag informierte die Polizei über die Vorfälle – 25 Stunden danach. (mit dpa)

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