Berlin - Das Ufo war auf einem Schrottplatz gelandet. Zwischen ausrangierten Gondeln, verrosteten Schienen und Gestrüpp lag der ungewöhnliche Rundbau am Rande des Vergnügungsparks im Plänterwald. Ein trauriger Anblick. Das Wrack sah aus wie ein ramponiertes Raumschiff von Außerirdischen. Bei einem Spaziergang durch den Plänterwald hat Cora Geissler das runde Gebilde entdeckt.

Die 42-Jährige ist Ausstatterin und Requisiteurin für Film- und Fernsehproduktionen und hat ein Gespür für ungewöhnliche Gegenstände und ausgefallenes Design. Anfangs, erzählt sie, habe sie gedacht, die weiße Hütte sei ein ausrangiertes Fahrgeschäft aus dem Vergnügungspark.

Manche Bullaugenfenster hatten kein Glas mehr, sie waren mit Mülltüten verklebt. Drinnen war alles zerstört und verdreckt. Doch Cora Geissler war begeistert. „Ich spürte eine unglaubliche Faszination“, sagt sie. „Das Ufo war eine Mischung aus vergangenem Vergnügen, Glitzer und Schrott.“ Ihr ist damals sofort klar, dass das Ufo nicht auf einen Schrottplatz gehört. Also beschließt sie, das Objekt zu retten.

Ein finnisches Original

In den folgenden Monaten erforscht sie die Geschichte, und erkennt, welche Rarität sie da auf dem Schrottplatz gefunden hat. Das Ufo heißt Futuro, es trägt die Seriennummer 13 und wurde Ende der 60er-Jahre als mobiles Wohnhaus in Finnland produziert. Die Serienproduktion dauerte nur kurze Zeit. 60 bis 70 Exemplare wurden hergestellt, einige Nachbauten entstanden im Ausland.

Futuro 13 jedenfalls ist ein finnisches Original. Heute soll es weltweit nur noch zwölf Exemplare geben, so Schätzungen. Fest steht, Futuro 13 ist das einzige, auch im Innern noch komplett im Originalzustand erhaltene Exemplar in Deutschland. Es steht heute am Ufer der Spree, auf dem Gelände des früheren Rundfunks der DDR, verdeckt von Bäumen und Sträuchern. Vom anderen Spreeufer können es Spaziergänger sehen. Ausflugsdampfer fahren daran vorbei. Die Fahrgäste staunen über den Rundbau auf Stelzen.

Ohne Cora Geisslers Begeisterung wäre Futuro 13 sicherlich auf dem Schrottplatz verrottet. Nun wird es 50 Jahre alt. Seine Besitzerin sagt, sie müsse immer noch lächeln, wenn sie ihr „Ufo“ an der Spree besucht. „Futuro ist einfach unvergleichlich“, sagt sie liebevoll. Mittlerweile ist sie eine Futuro-Expertin und hat die ungewöhnliche Story erforscht.

Space Age - ein neuer Trend

Die Geschichte beginnt Mitte der 60-Jahre. Das Weltraumzeitalter hat begonnen. Space Age heißt der neue Trend. Der technologische Fortschritt schafft neue Perspektiven: Plastik, Atomkraft und Reisen ins All. Die USA und die Sowjetunion kämpfen als Großmächte des Kalten Krieges um die Vormachtstellung im Weltraum. Der erste Sputnik-Satellit startet, drei amerikanische Astronauten betreten 1969 erstmals den Mond, 600 Millionen Menschen schauen zu. Die Sowjetunion schickt Hündin Laika ins All.

Im Fernsehen laufen Star Trek und Raumpatrouille Orion. Die DDR zeigt die ungarische Zeichentrickserie Adolar. Der zwölfjährige Junge fliegt jeden Abend mit seinem Hund Schnuffi in einem aufblasbares Raumschiff zu fremden Planeten. Im Radio singt David Bowie Space Oddity, nachdem er Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“ gesehen hat. Ground Control to Major Tom.

Mobile Berghütte

In dieser Zeit bittet der Finne Jaakoo Hildenkari seinen früheren Schulfreund Matti Suuronen, eine moderne Berghütte zu konstruieren, die sich auch in unwegsamem Gelände aufstellen lässt. Suuronen ist Architekt, er entwirft futuristisch anmutende Bauten aus Kunststoff. Die mobile Berghütte kann man als Skihütte nutzen. Ein Hubschrauber setzt den Multifunktionsbau in den Bergen ab und holt ihn dort auch wieder ab.

1967 stellt Matti Suuronen seine ellipsenförmige Rundhütte aus glasfaserverstärktem Kunststoff der Öffentlichkeit vor. Sie ist vier Meter hoch, hat acht Meter Durchmesser und wiegt, je nach Ausstattung, bis zu vier Tonnen. Die kreisrunde Innenfläche misst 50 Quadratmeter, es gibt eine kleine Küche, eine Toilette mit Dusche und einen Schlafbereich für zwei Personen. Drei Liegesessel gehören zur Ausstattung. Das Haus wird elektrisch beheizt.

Das Interesse war groß

Futuro nennt Suuronen seine spacige Konstruktion. Sie ist ein Beispiel utopisch basierter Architektur seiner Zeit. Der Ufo-ähnliche Bau wird schnell weltberühmt, von einer „revolutionären Wohnform“ ist die Rede. In der Londoner Ausstellung „Finnfocus“ im Jahr 1968 drängeln sich die Besuchern um das Haus. Das Museum of Modern Art in New York stellt es aus. Die Hütte steht auf internationalen Messen. Das Interesse ist groß. Der Bau ist auch noch sehr pflegeleicht. Man muss ihn weder streichen noch reparieren, nur hin und wieder mal abwaschen.

Suuronens Prototyp soll massentauglich werden. Die finnische Firma Polykem beginnt mit der Serienproduktion, etwa 12.000 Dollar kostet ein Exemplar. Mehr als 400 Firmen aus aller Welt bestellen Futuro-Häuser, darunter sind Länder wie Südafrika, Japan und Australien. Polykem verkauft die begehrten Lizenzen zur Herstellung an 25 Länder. Ein Großauftrag kommt aus der Sowjetunion. Für die Olympischen Spiele 1980 in Moskau bestellt das Land mehr als 30 Futuros.

Das finnische Werk muss schließen

Doch trotz der hervorragenden Auftragslage muss das finnische Werk bald schließen. Die Sowjetunion storniert alle Bestellungen wegen des Olympia-Boykotts der USA, der BRD und weiterer westlicher Länder. Mit ihrer Absage protestieren die Regierungen gegen den Einmarsch der Sowjetarmee in Afghanistan.

Gleichzeitig verdreifachen sich die Preise für Kunststoffe wegen der Ölkrise im Jahr 1973. Und offenbar sind auch die Mitarbeiter von Polykem mit der weltweiten Vermarktung ihres Produktes überfordert. Die Lizenzen sollen zu billig verkauft haben, heißt es später.

Von 1968 bis 1973 werden in Finnland etwa 20 Futuros gebaut, weltweit könnten es 60 bis 100 Nachbauten gewesen sein. So genau weiß das niemand mehr.

Seit 1969 im Plänterwald

Über die Herkunft von Futuro 13 gibt es verschiedene Versionen. Eine Geschichte geht so: Der Chemiekonzern Bayer soll ein Futuro-Haus auf der Hannover-Messe im Jahr 1968 als Ausstellungspavillon genutzt haben. Dort soll eine niederländische Firma, die den Vergnügungspark im Plänterwald einrichtet, das Haus gekauft und nach Ost-Berlin gebracht haben. Einer anderen Version zufolge soll die DDR selbst ein Futuro-Haus bei den Finnen bestellt haben. 1968 hatte die DDR-Regierung beschlossen, die Handelsbeziehungen zu Finnland zu verstärken.

Auf welchem Weg Futuro 13 nach Berlin gekommen sein mag – zur Eröffnung des Vergnügungsparks am 4. Oktober 1969 steht Futuro 13 jedenfalls im Plänterwald. Die DDR hat den einzigen Rummel- und Freizeitpark des Landes mit Achterbahn, Wildwasserfahrten und dem Riesenrad zum 20. Geburtstag des Landes hergerichtet. Offiziell heißt er VEB Kulturpark. Jährlich kommen etwa 1,7 Millionen Besucher. Das Riesenrad ist bis heute das weit sichtbare Wahrzeichen.

Mühsame Verhandlungen

Im Futuro 13 richten die Betreiber das Parkfunkstudio ein. Von dort aus wird das fast 30 Hektar große Gelände mit Musik und Durchsagen beschallt. Auch die Namen verloren gegangener Kinder werden dort ausgerufen. Futuro 13 ist auch die Kindersammelstelle. Sie muss allerdings verlegt werden, weil die Schlange an der Treppe immer länger wird. Kinder und Erwachsene wollten das Futuro-Haus von innen sehen. „Manche Besucher des Vergnügungsparks erinnern sich heute noch an Futuro 13“, sagt Cora Geissler.

Für sie beginnt nach der Entdeckung des ramponierten Rundbaus im Plänterwald eine mühsame Zeit des Verhandelns mit dem damaligen Betreiber des Vergnügungsparks Norbert Witte. Der Hamburger Schausteller hat den einstigen DDR-Kulturpark, der nun Spreepark heißt, mit seiner Familie im Jahr 1996 übernommen. Sieben Interessenten hatten sich beworben. Der schwarz-rote Senat unter Eberhard Diepgen entscheidet sich für Witte. Er soll den berühmten DDR-Rummelplatz auf Westniveau bringen. Futuro 13 wird auf dem Schrottplatz entsorgt.

Eine tragische Geschichte

Doch Witte ist überfordert. Der Senat hat seine Finanzen nicht ausreichend geprüft. Ein großer Fehler, wie sich bald herausstellt. Der berühmte Rummelplatz läuft zunehmend schlechter, es fehlen Besucher. Und Norbert Witte fehlt Geld, er kann die Pacht nicht mehr zahlen. Cora Geissler verhandelt mit ihm zwei Jahre lang, ihm das Ufo zu überlassen. Doch ohne Erfolg. Witte verlangt einen hohen Preis, den Cora Geissler nicht bezahlen kann.

2001 meldet Wittes Unternehmen Insolvenz an. Er hat 30 Millionen Euro Schulden. Witte siedelt mit seiner Familie und ein paar Fahrgeschäften nach Peru über. Er plant einen neuen Vergnügungspark. Und beginnt, mit Drogen zu handeln. 2003 werden Witte und sein Sohn Marcel verhaftet. Sie hatten versucht, 167 Kilogramm Koks nach Deutschland zu schmuggeln. Der Stoff liegt im Innern des Fahrgeschäftes Fliegender Teppich. Ein peruanisches Gericht verurteilt Marcel Witte zu 20 Jahren Gefängnis. Eine tragische Geschichte.

Doch für Cora Geissler wird sie zum Glücksfall. Denn in Berlin übernimmt nun ein Insolvenzverwalter die Geschäfte im Spreepark. Mit ihm kann sich Cora Geissler endlich einigen. Sie kauft Futuro 13. Der Preis bleibt geheim, und scheint angesichts der folgenden Aktionen fast schon nebensächlich.

Zu schwer für den Hubschrauber

Auf dem Schrottplatz kann das Rundhaus nicht bleiben. Cora Geissler hat vier Wochen Zeit, es fortzuschaffen. Alles muss schnell gehen. Auf dem gegenüberliegenden Gelände des DDR-Rundfunks kann sie einen Stellplatz pachten. Für den Transport von Futuro 13 über die Spree bestellt sie einen Hubschrauber. Doch der Pilot muss den Termin plötzlich absagen. Futuro 13 wiegt mit 4,5 Tonnen zwei Tonnen mehr als es in den Unterlagen steht.

Cora Geissler muss alles neu planen. Diesmal bestellt sie einen Lastenkran und einen Schiffsponton. So funktioniert es. Wie ein Ufo schwebt Futuro 13 am Kran durch die Luft, der Schiffsponton bringt das Futuro-Haus ans andere Ufer. In den folgenden Jahren beginnt Cora Geissler, das verwahrloste Haus herzurichten. Fenster werden repariert, ebenso die komplette Inneneinrichtung, das Haus bekommt Strom- und Wasseranschlüsse. Cora Geissler übernimmt alle Kosten.

Fischerhütte, Mathe-Professor und Strip-Club

Heute steht Futuro 13 wieder im Originalzustand am Spreeufer. Es ist ein Rückzugsort, ein Raum für Begegnungen. Firmen buchen es als Sitzungsraum, Künstler für kleine Veranstaltungen wie Performance und Lesungen. Architekten und Studiengruppen kommen zur Besichtigung, Ingenieure testen die Verträglichkeit der Kunststoffhülle. Futuro 13 ist ein Versuchsfeld für Forscher. Filmteams nutzen es gelegentlich als Drehort, manchmal finden kleine Feiern statt. Eine rein kommerzielle Nutzung, etwa für Werbezwecke, lehnt Cora Geissler ab, auch Partys.

Sie arbeitet mit Museen und Instituten zusammen, etwa mit der Pinakothek der Moderne in München. Im dazugehörigen Museum Brandhorst steht auch ein restauriertes Futuro-Haus. Cora Geissler kennt mittlerweile einige andere Exemplare der Futuro-Häuser auf der Welt. In Finnland wird eines als Fischerhütte genutzt. In den USA lebt eine Mathematikprofessor in einem Nachbau. In einem anderen hat sich ein Strip-Club eingerichtet.

Doch die Rundbauten sind Raritäten geblieben. „Die Futuro-Häuser waren nicht massentauglich“, sagt Cora Geissler. „Sie stammen aus einer Zeit, als die Liebe zum Weltraum und das Experimentieren mit Material Vorrang hatten.“ Und so bleibt es ihr wichtigstes Anliegen, Futuro 13 als „Design-Ikone“ aus dieser Zeit zu erhalten.